Ich stieg in einem Schlierseer Gasthaus ab und suchte Ola Hansons Haus auf. Die beiden alten Bekannten waren erfreut, mich nach so langer Zeit wiederzusehen. Wir hatten uns seit meinem ersten Aufbruch nach Bohuslän nicht mehr gesehen, da jene von Friedrichshagen nach Oberbayern gezogen waren und nicht mehr in Berlin lebten, als ich später mehrmals dort durchreiste.

In ihrer weißgetünchten Bauernstube saß ich nun Abend für Abend bei den schwedischen Schriftstellersleuten, und mein Herz war glücklich, daß es von Stockholm erzählen durfte, von Obstfelder und Ellen Key, von Heidenstam und Geijerstam und Levertin und Josephson. Und während Tür und Fenster der Bauernstube weit in die Sommernacht offen standen und von den dunklen Matten ein paar Kuhglockenlaute antönten, wenn dort schlafende Kühe sich regten, erstaunte ich mitten im Erzählen immer wieder, daß vor den Fenstern meine deutsche und bayerische Heimat lag, da ich mich doch eben deutlich auf den stockholmer Straßen hatte gehen gefühlt.

Ich dehnte den Aufenthalt in Schliersee länger aus, als ich mir vorgenommen hatte. Je mehr ich mit Ola Hanson von Stockholm sprach, desto mehr schwand Rom, das ich sehen wollte, und ich sah zuletzt wieder als Reiseziel Stockholm vor mir liegen.

Aber dann sprach doch der Verstand dazwischen und sagte barsch: „Du wirst nicht mehr Vermögen als vorher in den Taschen haben, um in Schweden eine Frau heiraten zu können, wenn du jetzt wieder dorthin umkehrst. Du bist von dort abgereist, weil dir das Vermögen fehlte, mit dem du die zukünftige Frau ernähren sollst. Erinnere dich doch, wie du im Mai in der stockholmer Straße an dem Briefkasten standest. Da war es dir doch ganz bewußt, daß du ohne Geld nicht freien darfst.“ —

Eines Abends ging ich mit Herrn und Frau Hanson von ihrem Berghaus hinunter nach Schliersee in den Garten des Gasthauses „Zur Post“. Sie hatten mir gesagt, daß Hermann Bahr, der sich eben auf der Hochzeitsreise befände, mit seiner jungen Frau dort abgestiegen wäre, und daß sie ihn treffen und mich ihm vorstellen wollten.

Ich sah und sprach dann auch Hermann Bahr an jenem Abend. Und am nächsten Vormittag fuhr ich mit ihm und seiner jungen Frau in einem Ruderboot auf den Schliersee hinaus. Als wir danach, er und ich, nachdem seine Frau zum Gasthaus gegangen, um sich umzukleiden, ein wenig auf der Landstraße spazierten, erinnere ich, daß ich, auf Bahrs Befragen, ihm eine lebhafte Schilderung meiner Eindrücke von Bohuslän gab und ihm erzählte, wie mich das Leben in dem einsamen schwedischen Pfarrhaus und meine Spaziergänge dort im schwedischen Granitland dazu gebracht hätten, die Dichtungen meines Buches „Ultraviolett“ zu schreiben.

Er verstand sehr wohl, daß man den Regenduft und den Mondaufgang, den Amselschlag und alle Naturerlebnisse lebhafter und bilderreicher aufnehmen müsse, wenn man an einer steinernen, weltfernen Küste, in einem Land, dessen Sprache man nicht versteht, mit feingewordenen Ohren und Augen nichts anderes erlebte als das wenige, das sich in dem steinernen Rahmen jener fremden Natur abspielte.

Und während ich so sprach, und Hermann Bahr mein Leben in Schweden in Gedanken mitlebte, wurde mir mit einem Male klar, daß mein ganzes Buch „Ultraviolett“ kein Herz besaß; daß alle diese Lieder herzleer wirkten im Vergleich zu den wenigen Versen, die ich jetzt über das junge schwedische Mädchen gedichtet hatte.

Wie anders wären jene Lieder geworden, die ich in Bohuslän aus meiner Einsamkeit heraus gedichtet hatte, wenn damals schon jenes Mädchen mit mir über die Steine der schwedischen Westküste gegangen wäre! Die Gedichte wären nicht bloß Farbenbilder und Tonbilder geworden, sondern Lieder voll Liebesgeist. So sagte ich zu mir.

Der Inhalt des Buches „Ultraviolett“ erschien mir jetzt wie eine durch Natureinsamkeiten hingleitende Irrlichtflamme, die nur eine blaue Luftflamme war, aber die kein Feuer hatte, das einen Körper verzehrte.