In keiner Weltstadt sah ich auch jemals soviel Kleingewerbetätigkeit. Neben den großen, spiegelglänzenden, gläsernen pariser Läden nistet ein bescheidener und traulicher Kleinhandel. Alles darf und alles soll leben können hier in dieser lebenswarmen Stadt! Es kommt einem vor, als stünden diese Worte als Spruch am Eingang der meisten Straßen. Wie jahrhundertalte Wohnungen und Häuser Raum für viele Andenken haben, Andenken an verschiedene Geschlechter, die hier lachten und starben, so ist das pariser Straßenleben durchwebt und durchlagert von Versteinerungen verschwundener Zeitschichten.
Dieses gibt der Stadt etwas innig Rührendes, etwas innig Rückständiges und künstlerisch Gedankenvolles neben der wahnwitzigen Vorwärtsjagd, dem Vorwärtsstreben und dem lauten Dasein.
Nirgends sah ich noch soviel Katzen auf der Welt als in Paris. Daß die Ägypter die Katzen heilig sprechen konnten, wurde mir nirgends verständlicher als in Frankreich. Die pariser Katzen gehen wie die Geister vergangener Geschlechter lautlos und gepflegt, geliebt und geschützt in allen Häusern herum, in allen Läden, in allen Gasthäusern. Kein Mensch erschrickt vor ihnen, kein Mensch jagt sie, und sie werden nicht bloß geduldet, sondern gefeiert, weil der lebendige und lebenssüchtige Pariser im letzten Grunde auch am Tier die Ruhe des Benehmens als die höchste Lebenskunst feiert.
Der alte schwedische Maler Josephson, den ich auf Veranlassung von Ellen Key noch vor meiner Abreise in Stockholm besucht hatte und der fünfzehn Jahre seines Lebens in Paris verbracht hatte, sagte beim Abschied zu mir:
„Also, Sie wollen nach Paris! Grüßen Sie die große, starke Stadt von mir, die große, ruhige, vornehme Stadt.“
„Ruhig?“ fragte ich. „Die Stadt, in der man sich seit Jahrhunderten betäubt, innerlich und äußerlich, die Stadt kann doch nicht ruhig sein?“
„Glauben Sie mir,“ meinte der alte Maler, „Paris ist die ruhigste Stadt in Europa. Und wenn Sie dort hinkommen, rate ich Ihnen, nehmen Sie es sich als ersten und letzten Grundsatz vor: bewahren Sie sich immer Ihre Ruhe dort. Machen Sie mit Ruhe die Hast mit. Aber geben Sie Ihre Ruhe nie auf. Dann wird Sie der Pariser schätzen, er, der so verächtlich auf die unruhigen Fremden herabsieht.“
Und als ich nun die Katze, das Symbol häuslicher Ruhe, überall in Paris gepflegt fand, mußte ich immer an diese Worte des alten schwedischen Malers denken. —
Draußen vor meiner sonnenstillen Gasse stand man, wenn man die breite, sonnige Straße St. Michel kreuzte, vor den großen Eisengittern des weiten Luxembourgparkes, dem Garten der Bildsäulen der Königinnen von Frankreich und der Dichter.
Auf den Terrassen rund um den Platz eines großen Wasserbeckens stehen die Bildsäulen der hohen Frauen, und unter den Augen der steinernen Königinnen und in einem Kreis von Zuschauern lassen die pariser Kinder dort im Frühlingsnachmittag ihre handgroßen Segelschiffchen auf dem Wasserspiegel kreuzen.