Aber auf einer anderen Seite des Schloßgartens, im lauschigeren Teil, wo die Singvögel in blühenden Büschen nisten und grüner Rasen mit Blumenhügeln und Zwergobstbäumen abwechselt und unter schattigen, alten Kastanien- und Ahornbäumen noch Lauschigkeit und Heimlichkeit herrscht, findet der Spaziergänger die Denkmäler der Dichter.
Im Nebenflügel des Lustschlosses selbst, das näher zur Stadt hin liegt, und darin jetzt die Senatoren von Paris ihre Sitzungen abhalten und ihre Schreibstuben haben, ist die neuzeitliche Bildersammlung mit ihren Kunstschätzen lebender oder erst jüngst gestorbener Zeitgenossen.
Die Luxembourgsammlung wird als die Vorhalle zum Allerheiligsten, zur Ewigkeitssammlung, dem Louvre, angesehen. Ein Kunstwerk, das eine gewisse Anzahl von Jahren in der Luxembourgsammlung ausgestellt ist, wird, wenn sein Kunstwert nach Jahren noch als ein Bleibender anerkannt ist, dann erst der Louvresammlung einverleibt.
So sind der Luxembourggarten und seine Bildersammlung eigentlich das Besitztum der französischen Jugend. In den Vormittagsstunden sieht man im lauschigen Teil des Parkes manchen bücherlesenden Studenten. Am Nachmittag gehört der Baumschatten den Kindern, den Kinderfrauen und den Tierfreunden, die die Vögel füttern und sich die Sperlinge so zähmen, daß diese ihnen die Brotkrumen von den Lippen picken.
Der Spätnachmittag aber lockt die Studenten und jungen Künstler mit ihren zierlichen Freundinnen in Scharen von der Seite des Boulevards St. Michel her auf den großen Musikplatz des Gartens, und bei Musikspiel lebt das Liebesspiel in den Augen, in den Worten und Gelächtern der Spazierenden. —
Jedem Fremden flößt die große Ordnung Achtung ein, die sowohl in London als in Paris die Tagesarbeit und das Vergnügen in bestimmte Zeitabschnitte abteilt. Man muß das Uhrwerk dieser Städte als Fremder verstehen lernen und sich ihm anpassen. Das Leben dort wird von der Ordnung wie ein Konzert von einem Kapellmeister geleitet. Es haben sich bestimmte Ordnungsbegriffe gebildet, die von Geschlecht zu Geschlecht festgehalten werden. Man spricht von der Stunde vor „der Spazierfahrt ins Gehölz“. Dann kommt die Stunde „der Erfrischungsgetränke“, die Stunde vor dem „Gang ins Theater“ und so weiter.
Die Strenge, mit der an althergebrachter Sitte festgehalten wird, macht den Pariser stolz und ruhig mitten im Neuzeittrubel.
Damals, im Jahre 1896, lebten und arbeiteten in Paris immer noch Zola, Huysmans, Mallarmé, von denen für die Literatur tonangebende Neuerungen ausgingen. Wie ich schon sagte, Verlaine war eben gestorben. Auf dem Boulevard St. Michel lief ein älterer, etwas komischer, halb verhungerter Literaturstudent im Gehrock und Zylinder umher, der den Spitznamen Bibi hatte, und der unversehends mitten im Menschengewühl zu einem herantrat, aus seiner hinteren Gehrocktasche eine Stiefelbürste zog, den Zylinder höflich lüftete und mit ernster Miene um die Erlaubnis fragte, einem den Staub von den Stiefeln und vom Hosensaum bürsten zu dürfen.
Man ließ es sich gefallen und gab ihm eine Geldmünze dafür. Denn jedermann wußte, daß Bibi bitterarm war. Aber außerdem wußte man auch, dieser dürftige, dürre Mensch, der nur flüsterte und der im Menschengedräng wie ein Schatten kam und schwand, er war der treueste Anhänger Paul Verlaines gewesen. Und man behauptete später, daß er noch zehn Jahre nach Verlaines Tod das letzte Hemd des Dichters an seinem Leib trage und es, aus Verehrung für den toten Meister, niemals ablege.