Gestalten von solch rührender, wandelnder Lächerlichkeit lebten viele im Gedränge des Boulevards St. Michel. Zur Mitternachtsstunde tauchten sie auf, und es war dann, als verkörperten sich in ihnen vergangene Zeiten.

Man sah da auch ein altes Mütterchen. Sie verkaufte Oliven in Öl oder gekochte rote Krebse, je nach der Jahreszeit, und man sagte, sie sei eine Freundin des Dichters Musset gewesen. Sie war wohl neunzig Jahre alt, und ihr Kopf wackelte, und manchmal machte sie einen Luftsprung, wenn ihr auf einer Kaffeehausrampe von einem Studenten Geld zugeworfen wurde. Dieser Hopser der Alten war die letzte Erinnerung aus ihrer Tänzerinnenzeit, die sie einst am Ballett der Großen Oper erlebt hatte.

Diese Spukgestalten der Vergangenheit wurden von den Studenten sowohl wie von ihren Freundinnen, die die nächtlichen Straßen füllten, geachtet und geliebt, man schätzte sie. Sie bildeten die Patina der Straße. Alte Kenner des Lebens sahen ihnen ehrfürchtig und behaglich schmunzelnd zu. Und die jungen Lebensneulinge betrachteten diese Überbleibsel toter Zeiten mit Scheu und mit leisem Anflug von Selbsterkenntnis: das Leben vergeht, darum wollen wir es festlich nehmen. Mehr Erkenntnis aber lebte noch nicht in den jungen Nachtschwärmern des lateinischen Viertels.


In diesem Stadtteil von Paris verbrachte ich vom Februar 1896 bis Ende April die letzten Wintertage. Im Betrachten der großen fremden Stadt und im Betrachten der nächsten Umgebung meiner Gasse, in der ich wohnte, vergingen die Stunden schnell.

Und eines Sonntags, im Parke von Versailles, erstaunte ich, daß in den hohen Baumgängen und in den künstlichen Wasserläufen dort schon die Frühlingssonne warm spielte.

Als ich über die endlose Baumreihe, die sich von der Schloßrampe beinahe bis an den Erdrand hinzuziehen scheint, hinsah und mich die frische, freie Luft ferner Äcker und Felder anwehte, knickte mein Herz ein. Denn ich wurde plötzlich erinnert, daß es außer dem künstlichen Stadtleben, das ich bis jetzt in diesen pariser Wintertagen und in den letzten Monaten in Stockholm fern von freier Natur gelebt hatte, auch noch Wiesen, Wälder, Länder, Erdteile und Meere zum Aufatmen gab.

Und die Luft sagte weiter, daß über dem Meer fern im Norden ein Mädchen, das ich ersehnte, lebte, und daß die Frische, die hier in den stadtfernen Versailler Schloßgarten über Äcker hergekommen war und nicht über Hausdächer, mich an das ferne Land im Norden erinnern wollte, an Bohuslän, wo ich zuerst ohne Herz gedichtet hatte, und an Stockholm, an meine Wohnung am Tegnerlund, wo ich meine ersten Liebesgedichte herzlich gedichtet hatte.

Hier in Frankreich war ich bisher vor dem Neuen wie ein Schlafwandelnder gegangen, und es war mir oft, als ob ich meine Dichtung und meine Liebesgefühle zu jenem Mädchen in einem fern vergangenen Leben erlebt hätte.

Aber nun kam vom Erdrand junge Luft durch den langen Baumgang, über den langen Wasserlauf, zu den Treppen der Schloßrampe von Versailles, und eine große Sehnsuchtswelle rührte mich an. Die Vögel, die Amseln und Finken, die da in den blätterleeren hohen Bäumen des Parkes aufsangen, wollten auch mich zum Aufsingen überreden. Und das Wasser blitzte unter dem dunklen Geäst, die Frühlingssonne glitzerte in den laubleeren Kronen der Bäume, und die weißen großen Götterbilder, die da am Fuß der breiten Treppe stehen, sprachen von der Göttlichkeit des Menschenleibes und von der Festlichkeit, mit der die Heiden ehemals Himmel und Erde herzlich und selbstverständlich genossen haben.