Der große leere Frühlingsgarten, der bereit stand zu erwachen, der Knospen und Blätterschwärme bringen wollte und zu grünen Sälen werden wollte, darinnen sich die Menschen in Paaren ergehen sollten, dieser Garten sagte: „Geh, hole dir dein Mädchen und komme wieder mit ihr. Meine festlichen Wege sind nicht für Einsame gedacht. Ich bin ausgedacht zur Feier der Liebesgefühle. Auf meinen Wegen will ich der Menschen Liebesgeplauder hören und will Menschen sehen, deren Herzen nicht einknicken vor Weh und Einsamkeit, wenn sie an das Ende meiner langen Baumgänge blicken.

Wenn es die kleine Amsel dort fertig bringt, sich ein Weibchen zu finden und diesem ihr Lied zu singen, warum sollst du, junger Mensch, es nicht fertig bringen, wie eine Amsel dein Weibchen zu finden und ihm deine Lieder zu singen.“

Alles dieses hörte ich laut in meinem Blut reden. Bei jedem Schritt, den ich über den feinen Sand in dem ebenen Garten tat, schluchzte mein Herz und klagte meinen Verstand an und sagte:

„Sieh und höre, was der Garten spricht. So wahr als die Sonne, die jetzt hier das leere Wasser in weißes glänzendes Feuer verwandelt, die Gartenbäume und den Rasen täglich anruft, daß sie blühen sollen, und so wahr es ist, daß dieser Garten der Sonne folgen muß und Blätter und Knospen treiben wird, so wahr ist es, daß ich dich anrufe und flehe: höre auf dein Herz. Du kannst es nie betäuben!

Ich rufe dich an wie die Sonne. Und dein Geist und dein Leib müssen mir folgen. Du kannst die Liebe nicht ersticken. Das ferne Gesicht jenes Mädchens, das du liebst, spiegelt sich in mir, in deinem Herzen, wie die Frühlingssonne hier im Wasserlauf und verwandelt mich in weißes Feuer. Geh heim jetzt und liebe und singe.“ —

Und am Abend in Paris im hellgrauen Frühlingsabend, in dem kleinen stillen Gasthof, schrieb ich mein erstes Gedicht seit Monaten und wünschte inbrünstig wie nie diejenige herbei, von der heute im leeren Versailler Schloßgarten den langen Nachmittag das ganze Weltall zu mir gesprochen hatte.

Seit drei Tagen aber befand sich die, die ich fern in Schweden glaubte, in derselben Stadt wie ich. Das erfuhr ich am nächsten Tag, als ich ihr, die mir wie vom Himmel gefallen schien, mitten in Paris begegnete. —


Ich ging meistens nach dem Frühstück, das ich zwischen elf und zwölf Uhr einnahm, und das mein Mittagessen bedeutete, aus dem Gasthaus fort, um dann im Luxembourggarten zu lesen, und trat gegen zwei Uhr in ein Kaffeehaus ein, wo ich immer einige mir bekannte Künstler traf. Manchmal saß ich im Café Francois premier am Boulevard St. Michel. Da war Verlaines Stammplatz gewesen, der jetzt auf dem Ledersofa unter den mit Blumen bemalten Spiegeln für immer leer blieb.

Der Kellner dort, der den Dichter noch vor einigen Monaten bedient hatte, erzählte, wenn er mir die Zeitungen brachte, gern von seinem toten Dichtergast. Von ihm hörte ich auch über den seltsamen kindlichen Goldhunger, der den verarmten Bohêmepoeten kurz vor seinem Tode noch befallen hat.