Freunde hatten Verlaine ein kleines Zimmer gemietet, und dort fanden sie ihn eines Tages, als er seine wenigen Tische, Stühle und Geräte und alles, was in dem dürftigen Stübchen sich um ihn befand, liebevoll mit einer ganz gemeinen Goldbronzenfarbe bemalte.
Er, der selten Gold in die Hände bekommen hatte, den der Hunger an die Türen der Armenspitäler getrieben hatte, und der in seinem Geist sich so viele goldfeurige Leidenschaftshimmel in die Welt geträumt hatte, wollte auch einmal die irdische Armseligkeit — in der ihn seine stolze reiche Nation darben und verkommen ließ —, ehe er sterbend von ihr schied, sichtbar vergoldet sehen.
Er konnte das Zimmer schon nicht mehr verlassen vor Entkräftung und von stetem Elendsfieber gepeinigt, das seinen Körper zerrüttet hatte. Seine Freundin, die ihn zuletzt pflegte, kaufte ihm einige Flaschen Goldbronze, seinen letzten Wunsch erfüllend. Und halb kindlich, halb spöttisch schmunzelnd, vergoldete er in seiner Stube das graue und abgestorbene Holzgerät, die Stuhlbeine und die Tischbeine. Die blanke Goldbronze mußte dem kranken Dichter den fehlenden Sonnenschein in den dunklen pariser Dezembertagen vortäuschen, die Frühlingssonne hat der Arme nicht mehr wiedersehen dürfen.
Verlaine starb, und die pariser Bürger bemerkten seinen Tod kaum. Nur das Studentenviertel, nur die Künstler, erlitten bewußt einen tiefen Verlust mit seinem Hinscheiden.
Sollte man es für möglich halten, daß große Geister so unbemerkt von einer gebildetseinwollenden Bürgerschaft und so ungefühlt leben und gehen können? Das war doch nie bei den Griechen und Römern der Fall, daß ein großer Mann in ihrer Mitte lebte, den nicht auch die ganze Nation gekannt hätte. Die Jagd nach dem Gold heute macht die Bürger geistesblind, blind gegen sich selbst, blind gegen ihre eigenen tiefsten heiligsten Forderungen.
Der arme Dichter rief jenes Gold, das die Bürger von ihm fernhielt, in sein Sterbezimmer, und er zwang den Goldschein, ihm in sein leidendes, abschiednehmendes Auge zu sehen. Und als ihn das Gold ungerührt ansah, lächelte er ihm im Sterben zu und versöhnte sich auch mit ihm, seinem Lebensfeinde. Das Gold, nach welchem Verlaine nie gestrebt, hatte ihn vielleicht deshalb, weil der Dichter es nicht verehren wollte, gehaßt. Das Gold, das über alle bürgerlichen Menschen Macht hat, hatte nicht über diesen Helden der Dichtung Macht bekommen, und nur in seiner Sterbezeit spielte Verlaine mit dem Glanz des Goldes wie ein Kind. —
Da ich an jenem Tage, nach dem versailler Sonntag, keinen von meinen Bekannten im Café Francois premier getroffen hatte, ging ich in das Kaffeehaus Lilas, das auf der Höhe des Studentenviertels am Boulevard Montparnasse liegt. Dort war immer ein Kreis des jüngsten künstlerischen Frankreichs und des jüngsten künstlerischen Auslandes, nachmittags und abends, anzutreffen.
Ich befand mich auch nicht lange dort, da kam Eduard Munch und setzte sich zu mir. Ich fragte ihn sogleich nach der Adresse einer norwegischen Freundin jener jungen stockholmer Dame, die Munch ebensogut wie ich kannte. Ich ließ mir dann vom Kellner eine Postkarte geben und schrieb an jene Dame nach Norwegen, denn bei ihr hielt sich jetzt, wie ich erfahren hatte, die junge Stockholmerin zu Besuch auf.
Ich hatte noch nicht zwei Zeilen und noch nicht die Frage an die Norwegerin, ob die junge Schwedin schon nach Stockholm zurückgekehrt sei, ausgeschrieben, als sich die Glastüre des Kaffeehauses öffnete und Munch neben mir erstaunt ausrief: „Nein, sehen Sie, da kommt sie ja schon selbst.“
Verblüfft sah ich auf und sah wirklich sie, zu der ich so ungeduldig in diesem Augenblick nach Skandinavien hingedacht hatte, unter der Tür eintreten. Ihr Gesicht, das ich gestern ganz fern am Ende der versailler Baumgänge im Frühlingswinde in meinem Geist hatte aufwachen sehen, kam mir nun vervielfacht aus den breiten Spiegelwänden, aus allen Ecken und Enden der Glaswände des pariser Kaffeehauses beweglich und lebend entgegen.