Ich sah mich mit einemmal wie umringt von allen den Sehnsuchtsbildern, die ich mir von jenem Mädchen gemacht hatte. Und es stand in der Mitte aller dieser Spiegelgesichter wie der warme Kern aller meiner Sehnsüchte, und erstaunt reichte es mir über den Marmortisch die Hand zur Begrüßung.
Die junge Schwedin war mit ihrer norwegischen Freundin kurz entschlossen nach Paris gekommen. Sie war nach der raschen Verlobung und Entlobung dieses Winters unruhig, müde und fliehend vor sich selbst und ratlos geworden.
Sie kannte schon Europa von früheren Reisen. Ihr Vater hatte sie, als sie achtzehn Jahre alt war, nach der Schweiz gebracht, in ein Pensionat, wo sie fremde Sprachen gelernt hatte. Ein Jahr später war sie mit mehreren Freundinnen durch Italien gereist, nach Rom und Neapel, und sie war dort eifrig durch die Bildersammlungen gewandert, teils weil sie dieses unterhalten hatte, teils weil sie ihren Vater beim Heimkommen mit dem Gesehenen unterhalten wollte. Auch Paris hatte sie besucht und dann London. Und später war sie in England auf dem Lande einige Zeit in einem Pfarrhaus in Pension gewesen. Alles dieses wußte ich, und ihr plötzliches Erscheinen in Paris war mir erklärlich, da ich auch wußte, wie gern und leicht sie reiste. —
Am dritten Tage unseres Wiedersehens schien es mir endlich an der Zeit zu sein, ihr zu erzählen, warum ich ihr die Gedichte, welche meine Liebe erklärt hätten, in Stockholm nicht gegeben hatte. Ich wollte ihr sagen, daß ich nicht gewagt hatte, um sie zu freien. Aber jetzt hätte ich eingesehen, daß mir nichts Schlimmeres begegnen könnte, als von ihr getrennt zu leben.
Wenn ich ihr auch noch nichts zu bieten hätte als meine Liebe und meine Lust, ihr zeitlebens Liebeslieder zu schreiben, so meinte ich doch, es würde der Kampf gegen die Armut das kleinste Übel sein.
Durfte doch der Amselmann das Amselweibchen besingen! Und wurden sie nicht beide satt dabei und konnten ans Nestbauen denken?
Und diesen Mut wollte ich mir jetzt nehmen, und das Mädchen, das ich liebte, wollte ich mir nicht mehr entgehen lassen, wollte nicht mehr getrennt von ihm leben.
Ich stieg deshalb am dritten Tage mittags in einen Wagen und fuhr in das entfernte Stadtviertel, wo die junge Dame in einer Pension wohnte, und wo sie für einen Monat ein Zimmer genommen hatte.
Ich holte sie dort ab, und wir gingen miteinander fröhlich plaudernd zum Frühstück, und darnach schlenderten wir durch die Louvresammlungen und kamen zuletzt auch vor die große Bildsäule der Venus von Milo, die im Erdgeschoßgewölbe des Louvreschlosses einen Raum für sich hat.