Der heilige wunderbare marmorne Frauenleib, der da hochaufgerichtet, stolz und göttlich allen Menschen zum Wohlgefallen geschaffen schien, machte uns beide verstummen. Ich mußte an den Dichter Heinrich Heine denken, der sich als Totkranker vor dieses Bild hatte hintragen lassen und der mit den Fingern sein Augenlid öffnen mußte, das schon gelähmt war, um nur nochmals vor seinem Tod die Venus bewundern zu können, für die er so viele Strophen gesungen hatte. Den kranken Dichter, den halbtoten, erquickte noch einmal die Schönheit, die ein griechischer Künstler vor mehr als zweitausend Jahren geschaffen hatte!

Nach zweitausend Jahren ist jene Kraft heute noch wirksam, mit der die Künstlerhand den Marmor geformt, mit der ein menschlicher Geist, mit der ein Mensch einen Göttinnenleib und eine Götterkraft geschaffen hatte!

Sind wir Menschen dann nicht Schöpfer, Schöpfer am Weltall, wenn wir nach zweitausend Jahren noch mit unserer Hände Werk und mit dem Werk unseres Herzens ferngeborene Geister begeistern können und ihnen Lebensmut und Lebensherzlichkeit einflößen können, ihnen sogar noch Götterkraft in der Todesstunde geben können? — Die griechischen Götter vergingen, aber der griechische Künstler lebte fortwirkend über seine Götter!

Ich schickte ein kurzes Stoßgebet zum Liebesgeist, der vor zweitausend Jahren den Marmor geschaffen hatte. „Segne mein Vorhaben!“ bat ich. „Großer Geist, wenn du ewig des Lebensfestes höchster Festgeist gewesen bist, steh mir bei. Laß mich nicht mutlos werden. Segne uns beide!“

Oft habe ich später an den seltsamen Zufall denken müssen, daß uns unser Weg ganz absichtslos in den Louvre und vor die Venus geführt hatte. Der Anblick der starken Liebesgöttin und die starke Künstlerkraft, die aus dem Marmor jahrtausendestolz zu uns redete, beschleunigte mein Vorhaben, und ich sagte der lang Begehrten meinen Herzenswunsch.

Einige Stunden später stellte ich bei einem Abendbesuch bei James und Theodosia, den Amerikanern, meine Braut vor. Diese freuten sich und triumphierten, weil sie mir vorausgesagt hatten: das, was man stark und aufrichtig, im Innersten seines Wesens wünscht, zieht man zu sich heran und schafft so selbst seinem Wunsch die Erfüllung.

Die tatkräftigen Amerikaner schlugen uns vor, daß wir, wie sie es getan hatten, gleich nach England reisen sollten, um uns dort trauen zu lassen. Das taten wir auch und reisten am nächsten Tage; und am fünften Tage nach dem Besuch bei der Venus im Louvre waren wir schon vermählt.

Bei unserer Trauung herrschte aber eine babylonische Sprachverwirrung. Die junge Schwedin verstand wohl deutsch, konnte es aber noch nicht sprechen. Ich verstand schwedisch, konnte es aber nicht sprechen. Und von einem englischen Geistlichen, der weder schwedisch noch deutsch verstand, wurden wir in der französisch sprechenden Stadt St. Helier, auf der Insel Jersey, in einer wunderbaren alten englischen Kapelle in französischer Sprache getraut.

Im Seebad Gorey auf derselben Insel, in dem schmucken englischen Fischerdorf, das am Fuße einer alten Normannenburg liegt, wohnten wir während des Monats Mai bis Anfang Juni, von wo wir dann nach Paris zurückkehrten. Denn ich bemerkte mit Schrecken, wie schnell man im Glück das Geld ausgibt.