Ich war einige Wochen vorher, ehe die junge Schwedin in Paris erschien, noch in der schrecklichsten Notlage gewesen. Zwei Tage hatte ich fast nichts zu essen gehabt und hatte kein Geld und keine Aussicht, welches zu bekommen. Ich hatte Brief um Brief nach Hause geschrieben, aber mein Vater wußte nichts davon. Man wollte ihn mit meinen Briefen nicht verstimmen und man legte dieselben, da er nicht wohl war und zu Bett lag, ungeöffnet auf seinen Schreibtisch, einen Brief zum anderen.
Das amerikanische Ehepaar streckte mir endlich das Heimreisegeld vor, nachdem ich schon halb verhungert war. Ich hatte an einem Tag nur für einen Sou eine halbe Semmel gegessen und am anderen Tag nur ein Ei für meine letzten zwei Sous verzehrt und die Hälfte der Semmel vom Tage vorher, die ich aufgehoben hatte. Um meine Kräfte zu schonen, hatte ich mich zuletzt tagsüber aufs Bett legen müssen, weil ich mich nicht durch Gehen im Straßenlärm hungrig machen wollte.
Am dritten Tag konnte ich nicht mehr länger in dieser elenden Weise auf den Postboten warten, und als mich zufällig die beiden Amerikaner besuchten und mich fragten, warum ich nicht ausgehen wollte, gestand ich ihnen meine Hungersnot. Noch am selben Abend begleiteten sie mich, nachdem sie mich gestärkt hatten, zum Bahnhof, und ich reiste zu meinem Vater.
Dieser war müde von den dreijahrelangen Unterstützungen, die er mir gegeben hatte. Er bedachte nicht, daß die Schriftstellerei und die Dichtung mehr Studienjahre in Anspruch nehmen als die Medizin und die Jurisprudenz. Ich erlangte aber dann doch von ihm, nach einer eindringlichen Auseinandersetzung, daß er mir noch einmal einige tausend Mark gab, wofür ich ihm dann versprach, wenn dieses Geld verbraucht wäre, für mich selbst zu sorgen, so daß mein Vater sich darnach nicht mehr um mich kümmern sollte. Mit dieser Summe wollte ich sparsam leben und hoffte auf baldige Büchereinnahmen. Ich wollte jetzt in einem Winkel von Paris eifrig schreiben.
Aber weder mein Vater, noch ich, ahnte bei diesem Wiedersehen — das unser letztes war —, daß ich sechs Wochen später verheiratet sein würde. Ich hatte damals keine Ahnung, daß das junge Mädchen, das ich im stillen liebte, nach Paris kommen würde. Und mit nur viertausend Mark in der Tasche hätte ich nicht gewagt, nach Stockholm zu reisen und im Hause des Großkaufmanns um die Tochter zu bitten.
So war ich nach Paris zurückgekehrt und hatte mich ein wenig bei den Spaziergängen im Luxembourggarten von dem letzten Hungerschrecken erholt, als die junge Schwedin erschien und ich nun, ermutigt durch die paar Banknoten in meiner Tasche, mich nicht lange besann und für mein Herz ein Weib wollte, da es ja auch der ärmste pariser Straßensperling sich erlaubte, ein Weib von der Natur zu fordern. —
Von der Englandreise nach Paris zurückgekehrt, mieteten wir jungen Eheleute dann in der Rue Boissonnade, die eine Atelierstraße ist, von einem Amerikaner, der zum Sommer aufs Land gezogen war, ein großes ausgestattetes Maleratelier und ein Schlafzimmer.
Noch einige Zeit konnte ich meiner jungen Frau verbergen, daß die Sorge bald vor unserer Tür stehen würde, und daß ich nicht ahnte, wovon wir dann weiterleben sollten.