Da unsere meisten pariser Bekannten jetzt im Hochsommer auf dem Lande waren, war unser einziger Verkehr das amerikanische Ehepaar James und Theodosia, die in der Nähe des Eiffelturmes an einer Avenue ein hoch im Himmel gelegenes Atelier mit Küche und Schlafzimmer bewohnten.

Die alten okkultistischen Gespräche wurden bei den Amerikanern wieder aufgenommen. Denn James und Theodosia hatten ihre kabbalistischen und okkultistischen Studien nicht aufgegeben. Beide standen immer noch im regen Briefverkehr mit ihren londoner Freunden. Eines Tages besuchten wir auch in ihrer Gesellschaft in Neuilly den letzten Abkömmling eines schottischen Königs, der in Paris als Ägyptologe lebte und mit seiner Frau ein hübsches Gartenhaus bewohnte, wo er Sonntags eine Unmenge Damen und Herren empfing.

Ich sah bei ihm die Papyrusrollen des ägyptischen Totenbuches, das jener Gelehrte aus den Hieroglyphen ins Englische übersetzte.

Derselbe Gelehrte führte später in Paris den alten Isiskultus wieder ein, und seine Frau wurde Isispriesterin. Ich ersah das viele Jahre später aus illustrierten Zeitungen, die das Bild der beiden mit der Nachricht von der Auffrischung des Isiskultus brachten.

Mit James und Theodosia besuchten wir in jenen Sommermonaten auch öfters die Gewölbe des Louvres, die die großen ägyptischen Sammlungen enthalten. Ich lernte dabei wieder viel Neues aus den Geheimlehren der Okkultisten kennen. Sie erklärten mir, daß es falsch sei, wenn man die großen Porphyrbildsäulen jener ägyptischen Götter, die Tiergestalt zeigen, immer für Tiergottheiten ansehen will.

Diese Steinbilder, halb Menschen, halb Tiere, die da in steifer feierlicher Haltung aufrecht stehen oder sitzen, tragen nur Tiermasken vor den Gesichtern: die Maske eines Ibisvogels oder die eines Schakals oder die einer Tigerkatze. Die Ägypter stellten die Götter gern mit Tiermasken dar, um anzudeuten, daß Tier und Menschen die gleichen menschlichen Regungen besitzen, daß alle Erdenleben ein und dasselbe göttliche Leben erleben, und daß das Unergründliche hinter verschiedenen irdischen Masken auftritt; und daß nicht bloß in der Gestalt des Menschen, sondern auch in den Tieren alle ewigen Gefühle des Weltalls sich vereinigten.

Auch wenn wir die Maske wechseln und im anderen Leben Katze, Schakal oder Ibis werden, haben wir dieselben ewigen Gefühle in uns. Deshalb wurden bei den Ägyptern Tiergesichte von Menschengestalten getragen und umgekehrt. Die Sphinx zeigt einen Menschenkopf auf einem Tierleib. Menschen und Tiere gehen im wechselnden Weltalleben ineinander über.

Da ist keine Grenze gezogen zwischen dem Empfindungsvermögen der beiden. Mensch und Tier, beider Körper, leben vom Hunger und von der Liebe, sie erleben beide die höchsten Weltallfestlichkeiten Geburt, Liebe und Tod. Und beide erleben Weltunergründlichkeit. Mensch und Tier erschaffen sich aus der gleichen Wirklichkeit und der gleichen Unwirklichkeit. Mensch und Tier gehören der Endlichkeit und der Unendlichkeit an, da sie dem Weltalleben angehören, das ein festliches Verwandlungsspiel aus unendlicher Kraft bedeutet, worin sich alles mit unendlichem Geist erschafft. Deshalb ist kein Tier von Natur geistloser als der Mensch. —