Ich hörte sehr gern solchen Erklärungen über die ägyptischen Kunstwerke zu, den Erklärungen über das Symbol der Schildkröte, über das Symbol des Skarabäuskäfers und über viele andere Gestalten des Tierreiches, die der Ägypter tausendfach nachgebildet hat, um sie immer als Gleichnisbild der Ruhe oder als Gleichnisbild der Seelenwanderung vor Augen zu haben. Ähnlich wie die Christen sich das Lamm und die Taube als Lebensgleichnisse in den Kirchen dargestellt haben.

Nicht bloß hoher Geist sprach aus den ägyptischen Kunstwerken; es wirkte ebenso erhebend die edle vereinfachte Linie, in der die ägyptischen Künstler Menschenkörper und Tierkörper in Porphyr, Granit und Alabaster dargestellt hatten. Mit kluger Beherrschung arbeiteten einst ägyptischer Meistergeist und Meisterhände ernst und mit gemessener Ruhe, so wie der Strahl der senkrechten Sonne, die steil über dem Nil steht und nur des Menschen wichtigste Lebenslinie an Körper und Seele groß beleuchtet. Bei solcher Feierlichkeit der Lebensauffassung verstummen alle nebensächlichen Fragen des Alltags, und nur der reine stolze Weltallfestlichkeitsgedanke strömt von den Kunstwerken auf den Beschauer. —

Wenn ich dann von den Louvregewölben wieder hinaus auf die pariser Straßen kam, nachdem wir uns lange in die ägyptischen Bildwerke vertieft und uns an ihnen ergötzt hatten und die Festlichkeit unseres eigenen Daseins bestätigt erhalten hatten vom festlichen Lebensgefühl ferner Jahrtausende, so konnte ich mich mit meiner jungen Frau, die sich gern mit mir in alles vertiefte, was mich künstlerisch erregte, zuerst nicht gleich zurechtfinden in den Gegenwartsstraßen von Paris.

Wie läppisch kamen mir zum Beispiel an den Möbeln, die da in den Schaufenstern standen, die Rokkokolinien vor. Flüchtig wirkend wie Straßengeschwätz im Vergleich zu den ägyptischen monumentalen Hausgeräten. Im Vergleich auch zu den edlen griechischen Geräten, die strengen Zweck und zarte, nur angedeutete Grazie und eine leichte kluge natürliche Ausschmückung gezeigt hatten, und die wir ebenfalls vorher im Louvre bewundert hatten.

Ich hätte am liebsten die Augen geschlossen und wäre mit meiner Frau durch die Jahrtausende zurückgeeilt und hätte mit ihr am liebsten das untergegangene Theben am Nil und das verschwundene Athen Homers aufgesucht. Denn wir nahmen die Liebe, die wir jetzt erlebten, hoch, festlich und feierlich, und das Glück des Körpers wünschte auch das Glück des Geistes.

Aber der Geist unserer Jahrhunderte, sagte ich mir, der Geist der alten Weltanschauung heutzutage, verfolgte, haßte und beschimpfte den Körper, da er sich ihn mit einer Erbsünde belastet vorstellte. Der Menschenleib war wegen seiner Vergänglichkeit vom christlichen Geist immer verächtlich und herablassend behandelt worden. Aber die Glückseligkeit, die der liebende Körper geben konnte, schien mir vollkommen glücklichmachend zu sein. Wogegen man das nicht vom Zeitgeist sagen konnte, der immer hochmütig mit zukünftiger Seligkeit handelte.

Man war in meiner Jugendzeit in den Bürgerkreisen noch argwöhnisch gegen die selbstverständlichsten Forderungen des lebenden Körpers. Und man schämte sich in den Familien seiner natürlichen Liebesforderungen. Man gestand sich wohl ein, daß das Herz liebebedürftig sei, man sprach von der Zusammengehörigkeit der Seelen. Aber man wollte gern die Regungen des Körpers bei der Liebe übersehen wissen. Man fand aus falscher Scham des Leibes natürliche Lebensbedingungen sündhaft.

In meiner Jugendzeit waren fast alle Mädchen bleichsüchtig. Und ich erinnere mich, daß man sie mit den verschiedensten Medizinen gesund machen wollte. Aber das gesündeste Mittel, das darin besteht, dem gereiften Körper die unerbittlichen Forderungen der Sinne zu befriedigen, indem man die jungen Menschen so früh wie möglich, sobald es ihre körperliche Sehnsucht fordert, sich verheiraten läßt, dieses kam gar nicht in Frage. Man tat, als wäre der Körper nur ein Seelenquäler.

Wenn der Körper sich nicht krank meldete, wußte man von seiten der Erzieher damals während der Erziehungsjahre gar nichts von ihm. Man sprach nur eindringlich zu dem jungen Menschen von der Seele, vom Gemüt und vom Herzen. Und diese an und für sich erhabensten Dinge wurden durch die übertriebene Anrufung dem Heranwachsenden so lästig gemacht, daß ein junger, körperlich reif werdender Mensch die Worte Seele, Gemüt und Herz zu verachten begann, ehe er noch ihren Sinn begriffen hatte.