Denn diese Worte, die eigentlich erst dem reifen zufriedengestellten erwachsenen Körper in aller Innigkeit und Erhabenheit beim Erleben verständlich werden, wurden den Kindern, sowohl in der Religion von den Lehrern, als in der Familie von den Eltern, so reichlich zugeteilt, daß ihnen die Ohren damit vom Schall dieser schönen Worte übel vollgestopft waren.
Und wurden jene Menschen dann älter und reif, so steckten ihnen die Ohren immer noch voll vom leeren Wortschwall, und sie wollten keinen Anschluß an den Inhalt dieser Worte haben. Sie verlachten oder wichen allen tieferen Werten des Lebens, allen tieferen geistigen Erkenntnissen aus und fanden es überflüssig, davon zu sprechen. Denn man hatte von der Schulbank her und von der Familie her den Menschen mit zu frühem Hinweisen auf geistige Lebenswerte vor hohen Worten Ekel eingeflößt. Der verachtete Körper rächte sich später und griff stürmischer und rücksichtsloser und, aus dem Gleichgewicht gebracht durch langes Darben, heftig nach dem Wirklichkeitsleben, und fern von geistiger Vertiefung entschädigte man sich für die zu frühe und überüppige Seelenlehre der Schul- und Erziehungsjahre.
Die Jahre, die man, eingesperrt in den Gefängnissen der Schule beim Auswendiglernen geistestötender Plappereien, fern von den vier belebenden Jahreszeiten, beinahe unterirdisch eingekerkert, hatte verbringen müssen und die weiteren Jahre, die da in gemütstriefenden Familienkreisen bei falscher Scham fortgesetzt werden mußten, entnervten die heranwachsenden jungen Männer und jungen Mädchen meiner Zeit.
Nervenkrankheiten aller Art brachen in Massen aus. Das Wort Hysterie tauchte auf, und wie ein Aussatz fraß diese Krankheit der Nerven um sich und befiel viele gesundgeborene Menschengeister. Die natürlichen Sinnentriebe des herrlichen und klug durchdachten Menschenkörpers, die die Erzieher bei übertriebener Seelenzucht und übertriebener Mast des Geistes einfach ableugneten und für sündige, menschenunwürdige teuflische Triebe erklärten, die nagten, von falscher Weltanschauung vergewaltigt, verzweifelt in der Einsamkeit am klaren Geist vieler junger Menschen.
Und die vorher herzlichen und natürlichen Triebe arteten dann in herzlose Sinnensucht aus, die doppelt heftig in der Unterdrückung wucherte. Und die Unschuld der Natürlichkeit und der Empfindung, in der jeder Mensch und jedes Lebewesen sich im Weltall geschaffen hat, und die Gesundheit der jungen Menschen wurden durch die Sinnenunterdrückung angegriffen.
In allen Großstädten fand ich, daß die Entnervung in schreckenerregendster Weise in jenen Jahren unter den jungen Menschen aller Stände überhandgenommen hatte. Viele Männer, die mit siebzehn, achtzehn Jahren körperlich männlich entwickelt waren, ebensoviele Mädchen, die schon mit sechzehn und siebzehn Jahren reif zur Mütterlichkeit waren, und die eine natürliche kluge einfache Freude zum Leben mitbrachten, wurden auf den ewigen Schulbänken und in verlogener Familienunterdrückung matt gemacht und übermüdet vom Warten.
Ihre Körper welkten bleichsüchtig, weil ihr körperlicher Liebessinn hungern mußte. Und weder nützte den jungen Mädchen die Sorgfalt der Familie, noch den jungen Männern die Pflicht des Berufes, diese konnten nicht die seelische Überreiztheit von den körperlich darbenden jugendlichen Naturen abwenden.
Das Drama „Jugend“ von Max Halbe wurde deshalb in den neunziger Jahren mit so großer Begeisterung aufgenommen, weil es eines der echtesten Zeitdramen war. Die einander begehrenden jungen Leute sahen sich in diesem Drama in ihren natürlichsten Forderungen und in ihrem unnatürlichen Leid widergespiegelt.
Und noch grimmiger und beinahe in grotesker Tragik bedichtete damals die Seelen- und Körperqualen der reifwerdenden jungen Menschen in seinem Drama „Frühlingserwachen“ Frank Wedekind. Nur war man in den Bürgerkreisen jener Jahre noch nicht an Selbsterkenntnis so weit vorgeschritten, daß man das Erwachen des jugendlichen Körpers zur Liebe und die daraus entstehende Tragik zwischen Schulzwang und Körperdrang begreifen und ernst nehmen wollte.
Wedekinds tragischstes Drama fand erst zehn Jahre später die große Anerkennung, die ihm gebührte. Beschränkte Polizeiverbote, die dem starken Künstler Wedekind soviel grimmiges Unrecht getan haben, wurden dann endlich aufgehoben, und das erschütterndste Schulkinderdrama, das erschütterndste Erzieher- und Schülerdrama, das jemals geschrieben worden ist, durfte endlich seine aufklärende Wirkung von der Bühne auf die Öffentlichkeit ausüben. —