Im Mittelalter hat man vielen Erwachsenen das Leben zur Hölle gemacht, indem man viele unschuldige Menschen in Massen für Hexen und Zauberer erklärte, weil man Körperlichkeit haßte und verfolgte. Und in meiner Zeit hatte man der Jugend die Jugend zur Hölle gemacht. Die Erwachsenen hatten sich mehr oder weniger zu Sinnennatürlichkeit befreit, und die Menschen verbrannten nicht mehr Unschuldige als Hexen und Zauberer. Aber die ermüdenden Schulen, die man eingerichtet, der Schulzwang und der Erzieher Unverständnis aller jugendlichen sinnlichen Regungen gegenüber, sie waren eine Hölle für die Jugend geworden.
Das Grauenhafte an der heutigen unvollkommenen Lebensfestlichkeit wurde mir stärker bewußt, wenn ich so mit meiner jungen Frau durch Paris ging und wir sehr zufrieden und glücklich waren. Wie erstaunt sieht der Alltag den Glücklichen und Festlichen an, der Alltag, den die europäischen Menschen sich künstlich geschaffen haben.
In der natürlichen festlichen Weltalleinrichtung aber gibt es niemals einen Alltag. Da ist auch jede Arbeit eine Lebensfestlichkeit. Es gibt da nur lautere und stillere Festlichkeiten im Weltall, aber nirgends einen Alltag. Der Schlaf noch ist eine stille Festlichkeit und das Sterben auch.
Seht die Vögel an, wenn sie ihre Nester bauen. Seht die Tiere im Walde an, wenn sie ihr Futter suchen, die Rehe und Hasen, wie vergnügt sie es tun, wie leicht und lächelnd und doch wie tiefernst dabei, ernster als der gezüchtetste Mensch und lächelnd wie nur der wohlerzogendste Mensch.
Sagt nicht, daß nicht das wildeste Tier lächeln kann. Das Wildschwein, das mit seinen Jungen spaziert, grunzt behaglich und plaudert mit seinen Kleinen, und das zwinkernde Behagen seiner Augen ist sein Lächeln, das so herzlich aus des Wildschweins Lebensfestlichkeit kommt, wie das Menschenlächeln einer Menschenmutter, die ihre Kinder spazieren führt.
Als ich um die Erde reiste, erstaunte mich immer wieder an Asien, daß ich dort keinen Sonntag fand. Zuerst war mir das seltsam. Aber welcher Gebildete in Europa hat nicht das Gähnen gelernt am Sonntag, weil ihm eine Ruhe aufgezwungen wird, nach der sein Körper nicht verlangt hat. Man hat Arbeitslust, und man soll alle sechs Tage an einem Tag plötzlich nicht arbeiten. Man fühlt oft gerade den Drang und den Geist, am Sonntag glückliche Geschäfte abzuschließen, und man darf sich nicht beschäftigen.
Dieses verblödende Sonntagsfeiern, das eigentlich nur eine Angewohnheit, aber kein Festbedürfnis ist, fällt auf der anderen Erdhälfte bei den buddhistischen Asiaten in Indien, China und Japan weg. Und wenn ich mir vorstelle, jeder Mensch bei uns dürfte die Ruhe unserer europäischen zweiundfünfzig Sonntage, die Ruhestunden dieser Tage, in Minuten oder Stunden nach eigenem Gutdünken über das ganze Jahr hingestreut genießen, dann würden viele Nervenkrankheiten, viel Hast und Übereilung, die Europa an den Abgrund früher Entnervung führen werden, und die jetzt schon einzelne Völker vor die Frage der Entvölkerung gestellt haben, fortfallen und einer ruhigeren Einsicht, einer ruhigeren Beschaulichkeit und einer ebenmäßigeren sanfteren und stündlich festlicheren Daseinsfreude Platz machen.
Etwas anderes ist es, wenn die Menschen, um ihre Gemeinschaft untereinander zu spüren und ihre Gemeinschaft mit der Natur zu genießen, natürliche Jahresfeste feiern wollen. Es gibt genug natürliche Jahresfeste: Vaterlandsfeste, das Fest der Sonnenwende, die Feste der Frühlingswiederkehr, das Fest der Wiederkehr des Lichtes, die Feste verschiedener Blütezeiten in Wald und Feld, Vollmondfeste und Feste bei der Stellung besonderer Sterne, Feste bei gewisser Planetennähe und Erntefeste. Diese Feste, davon sich auch einige in der alten Weltanschauung finden, bieten genügende natürliche Ruhetage im Jahr, genügende im Weltalleben begründete Feste.