»Liebende Frauen sind weise Frauen,« sagte ich. Und indessen sie die Koffer packte und die Wolle für Lappland zu unterst stopfte und dabei italienische Lieder vor sich hinsang, reiste ich in sechzig Stunden von Strömstad direkt nach Rom, immer das Giftfläschchen in der Westentasche betastend, daß es mir nicht auskäme.
Als ich in Rom dann das Fläschchen Seiner Heiligkeit in die Hand drückte, wie es mir die weise und liebe Frau geraten hatte, lächelte Pius und sagte verständnisvoll:
»Das macht nichts, das kommt öfters vor.«
»Natürlich,« sagte ich eilfertig aus Verlegenheit. »Darf ich Eure Heiligkeit fragen, was Sie damit anfangen werden,« setzte ich neugierig hinzu.
»Das stellen wir zu den andern,« nickte der Papst. Und ebenso nickte Seine Eminenz, der Kardinal del Val, der bei meiner Audienz zugegen war: »Das stellen wir zu den andern.«
Das Gespräch wurde in den vatikanischen Gärten geführt, die mir durch ihre Regelmäßigkeit, regelrecht gestutzte Taxushecken, etwas pedantisch und langweilig vorkamen, mir, der ich gerade von der Insel der heiligen Kühe kam, vom Lande, wo die Steine sprechen, von Wacholder, wilden Rosen und Urgestein, von der schwedischen Heideninsel, wo in der blauen Glocke des Himmels die Sonne täglich zu einem Fest geglänzt hatte, wo das große freie Meer geläutet hatte, und wo die Fischerleute arm, bescheiden und ehrlich waren wie der Fischer Petrus und wie die Apostel, welche einst Fischer waren am See Genezareth.
»Und um die Erde sind Sie auch gereist?« meinte Seine Eminenz der Kardinal. »Und haben einen amerikanischen Bischof unterwegs getroffen, der von allen Göttern der Welt ein Probebild mit nach Philadelphia nahm! Der ganze Vatikan hat diesen Winter »die geflügelte Erde« studiert. Wenn die sündige Erde wirklich rundum so voll schöner Wunder ist, wie Sie da beschreiben, dann gibt sie uns hier vieles Nachdenken. Wir hatten wirklich nicht geglaubt, daß noch etwas irdisch Schönes an der Welt wäre. Wir dachten, wir hätten alles Verführerische mit heiliger Christenstrenge ausgemerzt.«
»O!« rief ich aus und machte meinen Mund größer auf, als in den vatikanischen Gärten erlaubt ist, »wenn Sie nur ›die geflügelte Erde‹ gelesen haben, dann haben Sie noch nicht vom Schönsten gehört, was ich gesehen habe.«
Seine Heiligkeit, welche wir auf den Wegen des Gartens zwischen uns gehen ließen, setzte sich auf das Stühlchen, das die Schweizer Wache, die hinter uns ging, ihm unterschob. Der Papst hielt immer noch mein Giftfläschchen zwischen den Fingern, obwohl es ihm der Kardinal öfters hatte abnehmen wollen. Der Papst hielt das Giftfläschchen gegen die Sonne:
»Wieviel Gifttropfen sind darin und wie wirken sie?«