Als ich mich später in dem Speisesaal, dessen Decke mit bunten mittelalterlichen Malereien, Wappen und Blumen bemalt war, zu Tisch setzte, sah ich vor der Glastüre, die auf den Korridor führte, eine kleine ältere Dame stehen, die, während sie einen Schleier um ihren Kopf band, zwischen den Vorhängen an der Glasscheibe hindurchblinzelte. Dann trat sie ein, und der Wirt folgte ihr und stellte sie als die russische Dame vor.
Die Generalin hatte kleine, lebhafte, etwas belustigt zwinkernde Augen und machte viele kleine Bewegungen, die ihr etwas rührend Kindliches gaben. Als sie sich vor ihren Teller gesetzt hatte, begann sie sogleich mit mir eine lebhafte Unterhaltung und erzählte vom Comosee, von dem sie eben kam, und vom italienischen Dichter Fogazzaro, den sie dort in seiner Villa besucht hatte.
Sie forderte blindlings Interesse von mir, weil sie sich für Fogazzaro und den Comosee interessierte. Aber mein Kopf schmerzte mich. Er wurde schwer, als wollte er anschwellen wie ein Zwergenkopf, und ich fühlte bald, daß ich beim barhäuptigen Sitzen in der Mittagsonne einen Sonnenstich bekommen hatte.
Es wurde mir grau und weiß vor den Augen, und das ganze Zimmer mit der buntbemalten Decke und dem rotsteinernen Fußboden kreiselte um mich, als wäre es eine russische Schaukel.
Ich wollte vom Tisch aufstehen, aber ich fühlte, daß ich umfallen würde. Während die Russin immer weiter sprach und mir nichts anmerkte, wartete ich still ab, bis ich mich wieder so stark fühlen würde, daß ich mein Zimmer ohne Hilfe erreichen konnte. Ich sagte dann der Dame im Fortgehen, daß ich glaubte, ich sei von einem Sonnenstich unwohl geworden.
Ich legte mich auf mein Bett und ließ mir Eis bringen. Mir war bei jeder Bewegung sehr übel. Zugleich begann mich ein heftiges Fieber zu schütteln.
Nach einer Weile klopfte es an meiner Tür, und die Russin brachte mir ein großes Senfpflaster, das sollte ich auf meinen Rücken legen. Während sie noch im Zimmer war, klopfte es wieder, und ich hörte die Stimme einer jungen Dame, die draußen mit dem Dienstmädchen sprach. Sie sagte, sie hätte im Hotel in Torbole im Fremdenbuch meinen Namen gelesen, und es war ihr gesagt worden, daß ich nach Limone gezogen sei. Ich erkannte die Stimme einer jungen Bekannten, die ich seit einem Jahre nicht gesehen hatte. Die Neuangekommene wollte, daß ich ihr Limone zeigen sollte.
Ich ließ ihr sagen, daß ich halb im Sterben läge, und sie möchte entweder meinen Tod oder meine Genesung abwarten.
Sie ließ mir darauf zur Antwort geben, daß sie einige Tage im gleichen Gasthaus in Limone wohnen bliebe.
Den Sonnenstich im Kopf, ein Senfpflaster auf dem Rücken, einen Eisumschlag auf der Stirn und einen Herzchock in der Brust, hervorgebracht durch das bevorstehende Wiedersehen mit einem seltsamen, reizend schönen Mädchen, an das ich lange nicht mehr gedacht hatte, — so lag ich auf meinem Bett und mußte mich gedulden, bis die Sonne untergegangen war und in der kühleren Abendluft, bei den weit geöffneten Fenstern, der Blutandrang zum Gehirn schwächer wurde, und ich mich allmählich wieder gesund werden fühlte.