Ulrike, die junge Dame, die mich so plötzlich besuchte, war Studentin der Chemie, und ich kannte sie aus Freiburg, wo sie studierte. Sie war eine jener schönen rothaarigen Frauen, die jetzt in Deutschland so selten werden. Sie hatte jene milchweiße Hautfarbe, mit leichtem rosa Hauch, die wie eine sanfte Kamelienblüte unter blauem Himmel leuchtet.

Aber es ging nicht die Kühle der Blüte von diesem schönen Geschöpf aus. Das leuchtende Milchfleisch ihrer Wangen und ihres Nackens neben dem dumpfroten Haar war von einer leuchtenden Lüsternheit verklärt. Man hätte das junge Mädchen nie unverschleiert gehen lassen dürfen, da ihre Reize so stark waren, daß ihr Gesicht, ihre Hände und ihr Nacken beinahe schamlos wirkten, wie enthüllte Blößen.

Im Mittelalter wurden solche verwirrend schöne Frauen den Folterknechten als Hexen hingegeben, und die Männerfäuste schlugen mit Wollust Wunden in dieses allzu aufreizende Frauenfleisch.

So war Ulrike, die hier plötzlich auftauchte in jener Luft, in der ich seit Stunden das Herannahen ereignisschwangerer Augenblicke vorausgefühlt hatte.

»Was suchen Sie hier?« fragte ich sie hundertmal in meinem Herzen, während meine Tür geschlossen war und ich den Besuch noch nicht gesehen hatte. Und Ulrikes Geist antwortete mir: »Ich suche Unruhe, Fieber. Ich suche, wenn es nicht Glück sein kann, Unglück, Vernichtung, wie du, wie ihr alle.«

Als ich dann, des Fragens müde, erschöpft eingeschlafen war, weckten mich Mandolinenmusik und italienischer Gesang aus dem Garten.

Ich stand auf. Es war Nacht geworden. Es mußte neun oder zehn Uhr sein. Ich fühlte mich ganz gesund. Draußen auf dem See suchte der Scheinwerfer des Wachbootes die Berge ab und schoß ab und zu in den Garten unten, wie ein Eindringling, zwischen die Bäume, und mir war, als müßte es jedesmal einen schrillen Laut in den Blättern geben, wenn der Lichtpfeil durch das schlafende Laub schoß, das dann wie Metallschlacken hell und dunkel aufglänzte.

Wahrscheinlich hatte Ulrike schon den ganzen Ort zu Freunden. Während der paar Stunden, in denen ich schlief, und in denen die Russin, die fließend italienisch sprach, sie spazieren führte, hatte sie, das wußte ich gewiß, blendender als jener Lichtstrahl, der da ruckweise vom See in den Garten fegte, schon alle Männer des Ortes geblendet.

Als ich im großen steinernen Treppenhause von meinem Zimmer in den unteren Stock hinabstieg, schallte mir einzig Ulrikes Stimme entgegen. Sie hielt einen Vortrag über Politik, über die Notwendigkeit, daß Italien zu Deutschland aufschaue, da es von Deutschland viel zu lernen hätte.

Sie sagte in ihrer unverfrorenen norddeutschen Art, daß die Italiener lügen, betrügen, daß sie falsch seien und faul, kurz, sie sagte alle diese ungerechten Aussprüche, die unwissende Deutsche immer schnell bereit haben, wenn über Italien geredet wird.