Ulrike erlaubte sich, da sie immer nur anbetenden Männeraugen begegnete, alles das in die Luft zu schreien, was man bei einigem Überlegen taktvoll zu verschweigen hat. Aber wahrscheinlich reizte es sie, daß alle Männer Honig aus ihrer Schönheit sogen, und sie wollte Widersprüche erwecken. Denn da ihr Gesicht Süße austeilte, wollte ihre Seele Bitternisse in die Seelen der anderen träufeln, damit nicht das Leben um sie vor lauter Anbetung verstummte.

Ich stand im halbdämmerigen Hausflur und beobachtete durch die offenstehende Haustüre die Gesellschaft im tiefer gelegenen Garten, die dort an einem länglichen Tisch unter dem Mispelbaum saß, mit der Hängelampe über den Köpfen und vom weißen Tischtuch beleuchtet.

An der Spitze des Tisches saß wie eine immer bewegte, surrende, graue Spindel die silberhaarige Generalin, in Mäntel, Schals und Reisedecken eingemummt; und nur ihr kleines, blasses Gesicht mit dem einen geschlossenen Auge und mit dem andern zwinkernden Auge sah belustigt und mit sich selbst vergnügt von einem zum andern.

Neben ihr an der Tischecke auf einem Stuhl, den sie hintüber hin und her bewegte, schaukelte mit übereinandergeschlagenen Beinen Ulrike und hielt sich dabei mit der einen Hand an der Lehne des Stuhles der Russin fest.

An derselben Längsseite des Tisches, nicht weit von ihr, saßen zwei junge Männer. Der eine war ein blasser italienischer Student, auf seine Art ebenso schön wie Ulrike. Er war aber eine jener altmodisch schmachtenden Jünglingsschönheiten, wie man sie bei jungen Heiligen auf glasgemalten italienischen Kirchenbildern des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts findet. Ein elastischer Jünglingskörper, von einem schwärmerischen Geist wie von einer blauen Flamme durchwallt. An ihm war nichts von der durch Sport und Gedankenzucht straffen Jungemännerschönheit, die jetzt im nördlichen Europa den altmodischen, altchristlichen Schönheitstypus verdrängt.

Es war rührend zu sehen, wie der junge, schwarzgekleidete, schmale Mensch jetzt eben ein Lied zu singen anhob, einen gewöhnlichen italienischen Gassenhauer, den er sicher noch nie in anständiger Gesellschaft gesungen hatte, und den er mit einer einfältigen Andacht vortrug, als handele es sich um eine Heldensage. Und dies alles nur deshalb, weil Ulrike den jungen Mann bereits entgeistert hatte. In seinem Herzen sang er sicher ein hohes Lied festlicher Liebesanbetung vor ihr. Davon trug sein Gesicht den andächtigen Ausdruck. Aber sein Mund mußte einen Gassenhauer hinsingen, weil die ungeduldige Ulrike nur Straßenkunst hören wollte.

Neben dem jetzt singenden Studenten spielte ein anderer junger Mann eine Mandoline, die er auf dem einen Knie hielt, bei der er tief gebückt saß, und deren Saiten er so innig zärtlich zupfte, als wären sie aus dem verführerischen roten Haar der jungen Deutschen gesponnen. Denn Ulrike machte sein alltägliches, reizloses Gesicht blutrot aufleuchten, wenn er zufällig beim Mandolinenspiel zu ihr hinübersah.

Der Spieler hatte grobe Hände, die tagsüber in einem Drogenladen im Ort, der ihm gehörte, Leinöl und Petroleum in Krüge füllte und Farbstoffe auf einer Wagschale wog, wovon seine Nägelränder noch bläulich, rötlich und gelblich schimmerten. Er schlug trotz aller Innigkeit grob und derb die Saiten. Er war nicht viel älter als der Student, aber er tat laut erzählend sich etwas darauf zugut, bereister zu sein als jener, und er versuchte, aus Notwehr gegen Ulrikes auffallendes verführerisches Frauenfleisch, sich mit einer Grobheit zu panzern, die ihn kaltblütig erscheinen lassen sollte.

Ich hatte gehört, wie er vorhin, kurz ehe das Lied anhob, Ulrike ins Gesicht gesagt hatte, er hasse alle Österreicher, und er gab an, daß jene die Eigenschaften hätten, die die Deutschen den Italienern zuschieben.