Am nächsten Morgen früh, als die Wiesen am See und ihre gelben Dotterblumen noch taufeucht waren, stand ich am Fenster, kurz nachdem das erste Dampfschiff getutet hatte. Da hörte ich, daß im Garten unten Neuangekommene nach Zimmern fragten. Es war jetzt Anfang September, und der Wirt hier hatte im September doch einige immer wiederkehrende Gäste in seinem Hause, denn der Herbst ist die Jahreszeit, in der auch jeder entlegenste Winkel des Gardasees von Naturschwärmern aufgesucht wird.

Als ich mich rasiert hatte, sah ich wieder vom Fenster hinunter in den Garten, und da saß eine seltsame Gesellschaft um einen Tisch auf dem weiten Steinbalkon, auf dem ich mir gestern den Sonnenstich geholt hatte. Zwei Vettern des Wirtes, die ein paar hübsche Fischerburschen waren, hatten ein Ehepaar an einen Tisch geleitet. Sie setzten sich soeben alle nieder. Ein älterer Mann von fünfzig Jahren und eine dreißigjährige Frau.

Der Mann schien nicht ganz bei Verstand zu sein. Ich sah ihm zu, wie er Dutzende von Chenilleäffchen verschiedener Größen aus einer Handtasche auspackte und zu gleicher Zeit kleine Bändchen und Fähnchen. Und nun begannen die Burschen, die Frau und der Mann, die Affenpuppen mit Bändern zu schmücken, und alle vier spielten kindisch mit ihnen und kitzelten sich gegenseitig am Gesicht und am Hals mit den Äffchen. Dabei hatte der Mann ein katholisches Traktätchen, eine gedruckte Zeitschrift, neben sich liegen, in welcher Heilige abgebildet waren, aus welcher er gern ab und zu Erbauungsgebete vorlas.

Ich hatte bereits von Annunziata, dem Dienstmädchen, gehört, daß ein ganz verrücktes Ehepaar erwartet würde. Das Mädchen war nicht sehr erbaut von seiner Ankunft, denn die Frau, sagte sie, wäre verliebt in die beiden Fischerburschen, denen sie im Winter, und überhaupt vom Tag ihrer Abreise an bis zu ihrer Wiederkunft, fast täglich die zärtlichsten Briefe schriebe. Aber Annunziata selbst liebte den einen Burschen und fand es abscheulich, daß, so lange das Ehepaar im Gasthaus wohnte, sie auf ihre Liebe verzichten sollte.

Ich hatte in meinem Leben vorher nie etwas Widerlicheres gesehen, als diesen mageren, bebrillten, greisenhaften, kichernden Mann und seine schwammige, übel aufgeputzte Frau. Sie lehnte mit ihrem Kinn auf ihrem üppigen Busen, der in eine Seidenbluse eingespannt war, und er grinste über seine schmale Hakennase und über die Brillenränder zu den Burschen hin, wenn seine Frau die Burschen mit den Chenilleäffchen hinter die offenen Hemdkragen kitzelte.

Der eine Bursche hielt einen Leierkasten unter dem Arm, in welchen Platten eingelegt wurden, und auf dem man wahrscheinlich bald Musik machen wollte.

Der Wirt hatte mir erzählt, das Ehepaar habe eine Seidenblumenfabrik in Norddeutschland.

Ich sah mit einem Blick: wenn der Leierkasten spielen und die Chenilleaffen tanzen würden, wenn die Zwerge, die Marinesoldaten, der Student, der Drogist, der Zolloffizier sich untereinander Duelle wünschen und die Russin wie eine Unke neues Unglück prophezeien würde, wäre meines Bleibens hier nicht lange, und ich würde bald von diesem Ort fortflüchten müssen. Das wäre vielleicht das einzige Unglück, das mir passieren könnte. Denn ich hatte ein keimendes Abenteuer im Herzen, von dem ich mich nicht gern eher getrennt hätte, als bis es erlebt war.