Das Haus, in welchem sich der Gasthof befand, war halbiert. Der vorige Besitzer hatte das Anwesen in zwei Hälften verkaufen müssen. In der Mitte waren durch das Haus, durch die Prunksäle, Wände durchgezogen worden. Dahinter in der zweiten Hälfte hauste jetzt der einzige Briefträger des Ortes mit einer Unzahl von Kindern. Auf dem Balkon aber hielt seine älteste Tochter, eine bleiche Italienerin, jeden Morgen Nähstunden ab für ihre jüngeren Geschwister und ihre Freundinnen. Im Saal, neben meinem Zimmer, wo, dem Schall nach zu urteilen, sich kein einziges Möbelstück befand als ein alter Flügel, ließ der Briefträger den ganzen Tag seine Hände galoppieren und braute Melodien, zu denen die Geister aller Komponisten Europas zitiert wurden.

Niemals war mir vorher ein so entsetzlich musikalischer Briefträger begegnet. Er hatte nur dreimal am Tage, wenn die Dampfschiffe kamen, Post auszutragen, und diese Botengänge waren nur kurz; da die Gassen des kleinen Ortes kurz waren und die Leute hier nur wenig mit der Außenwelt in Verbindung standen, so blieb ihm viel Zeit zum rasenden Spiel.

Die Frau des Briefträgers war bei der Geburt des letzten Kindes gestorben, und die zwanzigjährige Tochter mußte die zwölf jüngeren Geschwister erziehen. Der Vater aber wies, so sagte man, jedem Freier, der, angelockt von der Madonnenschönheit der Zwanzigjährigen, sich über die Schwelle wagen wollte, brüsk die Tür.

»Sie hat Pflichten,« rief er jedem mit italienischem Pathos zu, »Pflichten gegen ihren Vater und ihre zwölf Schwestern, und ich erwürge den mit meinen zehn Fingern, der es wagen sollte, meine Tochter diesen ihren Pflichten abspenstig zu machen.«

Er selbst aber schien keine anderen Pflichten für seine Familie zu fühlen als die, das mutterlose leere Haus mit seinem Klaviergetöse anzufüllen. Er kam sich gewiß wie ein Ritter der Musik vor. Die adligen Räume, die er zufällig, mit seiner ganzen Ärmlichkeit, bewohnen mußte, schienen es ihm angetan zu haben. Die altitalienischen Wappen an den Decken, die griechischen Götter, die dort auf abendroten Wolken saßen, grell hingemalt in Perspektiven an den Deckenkalk, so daß der arme Briefträger kein ruhiges Dach über seinem Schädel hatte, der gemalte Regenbogen über seinem Kopf, auf dem die neun Musen samt Apollo saßen und ihre wohlgeformten nackten Beine über den alten Klavierkasten herunterhängen ließen, — das alles schien den Mann in Ekstasen zu versetzen, die ihn fähig machten, stundenlang bei Trillern und Läufen am Tastenwerk auszuhalten. Dazwischen stieß er gegen seine Kinder Flüche und Drohungen aus, die von Blut und Mordgedanken trieften.

Ich hörte täglich den Musiklärm und seine fluchende Stimme nah wie durch eine Papierwand. Im Treppenhaus war eine verriegelte Verbindungstür zwischen den zwei Haushälften. Diese stand einmal zufällig offen, und ich hatte einen Augenblick im Vorübergehen den schrecklich bunten Apollosaal für einige Sekunden bewundern können.

Die Tochter des Musikgespenstes grüßte öfters mit einem leisen Lächeln im Gesicht zu mir herüber, wenn ich ans Fenster trat, indessen ihr Vater drinnen fluchte oder musizierte. Dieser Gruß war, als wollte sie um Vergebung bitten für den unaufhörlichen Lärm, an dem sie sich doch schuldlos fühlte.

Ich hatte mir den Spaß gemacht und manchmal den Kindern drüben in Stanniol gewickelte Schokoladestückchen zugeworfen. Nun kannten sie mich alle und sahen erwartungsvoll nach mir, wie kleine Vögel, die man vom Fenster aus füttert.

Am letzten Nachmittag war ich der ältesten Tochter begegnet, am Seeufer, das hart vor dem Garten lag. Sie stand bei den Weibern, die dort am Wasser knieten und wuschen, und sie hatte einige ihrer Geschwister um sich und nähte wie immer, — sie nähte auch, während sie spazieren ging. Aber mit den Weibern am Ufer Wäsche waschen, das durfte sie nicht. Das wäre zu erniedrigend gewesen für die Tochter des wichtigen Staatsbeamten, für den sich der Briefträger hielt.

Bei dieser Begegnung war mir der Gedanke gekommen, das schöne Geschöpf zu fragen, ob sie nicht in der Mondnacht mit mir eine kleine Kahnfahrt auf dem See machen wollte. Aber der Wind rauschte in den großen Silberpappeln am Ufer, und ich hätte laut schreien müssen, um diese Frage zu stellen, und die waschenden Weiber hätten dann ihre Köpfe gewendet und große Augen gemacht. Darum unterdrückte ich den Wunsch, der auch nicht heftig genug war, um sich gegen alle Widerstände durchzusetzen.