Aber heute abend, wenn Ulrike auf das Scheinwerferboot gehen würde, vom Zolloffizier eingeladen und vom singenden Studenten und dem die Gitarre spielenden Drogisten begleitet, dann wollte ich, dem Briefträger zum Trotz, das schöne Mädchen zu einer Nacht- und Nebelfahrt auffordern.
Während ich noch dieses träumte, erschien unten im Garten Ulrikes roter Kopf und stand gegen den blauen See wie eine große dunkelrote Geranienblüte. Sie beschattete mit den immer lebendigen Fingern ihre Augen, sah zu mir herauf und rief mir zu, sie sei fertig angekleidet, um mit mir in jenen Weingarten der Italiener zu gehen, wo die Leimruten für den Vogelfang aufgestellt wären.
Jetzt im Morgen schien mir Ulrike nicht mehr wie der Brennpunkt alles Lebenden zu sein. Wohl stand sie rotleuchtend im Garten, aber ihr helles Gesicht und ihre Hände blitzten kühl und blank wie die Seewellen draußen. Und es fiel mir auf, daß ihre Schönheit, beim starken Tageslicht besehen, beim frischen Morgenwellenschlag des Sees, unterm unendlichen silberblauen Morgenhimmel, bei dem die mächtigen Berge wie alte tausendjährige Propheten saßen, eigentlich nicht mehr Kraft ausstrahlte als die silberne Flaumfeder einer Seemöwe, die zwischen ihr und mir jetzt eben in der Gartenluft vorüberschwebte.
Freilich, gestern in der Rembrandtbeleuchtung des nächtlichen Gartens, wo die Welt rundum schwarz ausgelöscht war, lebte ihr weißes Fleisch magnetisch im Kreis der Männer. Und heute Abend, das wußte ich, würde es wieder mit gleicher Kraft seine Anziehung ausstrahlen. Der Tag aber wollte Gegenwart, lebende Wirklichkeit. Die Nacht nur ist wie von Vergangenheit ausgefüllt, und alle Dinge wachsen dann in Jahrtausende zurück, machen eine Rückentwickelung durch, vergrößern sich im Finstern und nehmen Gestalten der Urzeit an, Gestalten vorsündflutlicher, ausgestorbener Geschlechter. Es ist, als würden dann in der Finsternis jene Formen wieder lebendig, von denen wir Menschen nur Ahnungen aus den Gesteinschichten bekommen, wenn wir die Abdrücke versunkener Riesengeschlechter, gigantischer Farren und gigantischer Amphibien finden, — Gestalten, von denen wir kaum feststellen können, ob sie dem Luft-, dem Erd- oder dem Wasserreich angehörten.
Von solch ungewissen, grauenhaften Ungeheuern schien mir der Garten gestern Abend angefüllt gewesen zu sein. Jeder war da im Dunkeln über sich hinausgewachsen, die Menschen, die Zwerge, die Musik, die Lampe, der Mispelbaum, die Katzen und die vom Scheinwerfer ruckweise belichtete Seelandschaft.
Harmlos war das alles jetzt am Morgen, und der Morgen selbst unschuldig wie ein Ei, das eine Henne ins Stroh fallen ließ, unschuldig wie die Milch der Kühe, unschuldig klar wie frisches Wasser in einem Glas, und ich atmete jetzt auf und verbannte im hellen Morgen die Schrecken, die ich gestern Nacht gefürchtet, leicht von mir, wie man den Rauch einer Zigarette rasch von sich bläst.
Ulrike und ich hatten nicht weit zu gehen, keine fünf Minuten vom Gasthaus durch die höckerige Straße, die dort anstieg und sich hinaus in den Olivenhain verlor. Dort hinter den Mauern, die am Ende der Häuser noch eine Weile den Weg einengten, lagen alte Weingärten. Hier und da war eine Pforte oder eine Nische mit einem verstaubten Madonnenbild in den Mauern; und an den Mauerflächen huschten graublaue winzige Eidechsen hin. Verschlungene Feigenbäume streckten ihre Fünffingerblätter aus und ließen schwarzblaue Früchte reifen. Niemand begegnete uns als spielende Kinder und ein paar meckernde Ziegen, und weißer wirbelnder Staub flog am Wege hinter uns her.
Auch hier waren am Morgen keine Gespenster mehr am Wege, und als uns einer der orangutangähnlichen Zwerge einholte, der für uns den Klöppel am Gartentor anschlug, in das wir eintreten sollten, da sah auch der arme verwachsene Kerl dürftig und unschädlich aus wie ein humpelnder Hase, schreckhaft und ängstlich.
Ulrike stellte sich etwas wunderbar Lustiges unter dem Vogelfang vor. Sie dachte, man fängt die Vögel mit der Hand wie Schmetterlinge von den Blumen. Und sie dachte, es müßte ein so hübsches Geschäft sein wie Gärtnerei oder Mandolinenspiel.
Drinnen aber im Weingarten stockte uns beiden der Atem. Mit etwas bleichen, übernächtigen Gesichtern fanden wir dort den Studenten und den Drogisten bei ihrer Henkerarbeit.