Ich erinnerte mich, ich hatte dieses Tier in einer lebensgroßen Nachahmung aus Stein im Zoologischen Garten in Berlin, an der Freitreppe zum Aquariumhaus gesehen, und wußte auch, daß auf einer Tafel darunter »Iguanodon« stand, und »seit zwanzig Millionen Jahren auf der Erde ausgestorben«. Es war eines jener vorsündflutlichen Tiere, an die ich gestern abend gedacht hatte, als Ulrike den Garten verhexte mit ihrer über alle menschlichen Begriffe starken Anziehungskraft, die die Zwerge, die Katzen und alle Männer entzündete. Vor meinem inneren Blick war Ulrike da in ein Fabelwesen verwandelt worden, für das man keine gewohnten Maßstäbe findet. Und nun sah ich am hellen, heißen Nachmittag ein Iguanodon seinen zwanzig Millionen Jahre langen Schlaf unterbrechen und mitten im See aufsteigen und Rundschau nach den Ufern halten, als wollte sich die langhalsige Gestalt mit einem ebenbürtigen Feinde messen, der es heraufgerufen und zum Zweikampf herausgefordert hätte.
Und seltsam, — ich erkannte plötzlich die Berge, die sonst Erde und Stein waren, auf dem anderen Seeufer und über meinen Häuptern und hinter den Hausdächern des am Berg hinaufkletternden Ortes nicht mehr. Diese einzelnen Berge schienen die Stümpfe von Urweltbäumen zu sein, deren jeder ein paar Meilen im Durchmesser maß. Und gegen diese riesigen Baumstümpfe wirkte das haushohe Iguanodon wie eine winzige Ameise. Die vorsündflutliche Welt, in der der Mensch weniger als ein Infusionstierchen in einem Tropfen Wasser war, erschreckte mich nicht; sie stand schrecklich schön im Sonnenschein vor mir. Und auch als das Iguanodon eine pfeilartige weiße Zunge, wie eine lange dünne Röhre, ausstreckte, die es langsam anwachsen ließ, erschrak ich noch nicht. Erst als die Zunge wie ein dünner Sauger die Ufer, die Berge und endlich die einzelnen Häuserflächen, die nach dem Wasser sahen, von der Mitte des Sees aus abtastete, da packte mich ein panischer Schrecken. Denn der weiße Strahl der Zunge zog sich, wenn er ein Haus berührt hatte, wie ein langer Schneckenfühler wieder zu dem Tier zurück.
Mit einem Male hörte ich Geschrei, ein Angstgezirp, ähnlich dem, das die zappelnden Vögel an den Leimruten im Morgen gezirpt hatten. Ich sah mit Entsetzen, daß die Zunge des vorsündflutlichen Tieres jedesmal, wenn sie ein Haus berührte, ein Fenster oder einen Laden eindrückte und sich einen Menschen aus den Zimmern holte, und der Geraubte verschwand angeklebt mit der eingezogenen Zunge im Schnabelrachen des Tieres.
Das Iguanodon, das ich hier sah, war wohl zwanzigmal größer als die Abbildung, die ich einmal in Stein, von einem Bildhauer gearbeitet, in Berlin gesehen hatte. Den Menschen, den die Riesenbestie verschluckte, sah man im langen dünnen Tierhals nicht hinabgleiten, denn der Hautbehang des Halses schien fest und dick zu sein wie Panzerplatten.
Mein Grauen wuchs. Jetzt stürzten unter der Gartentür vom See her in den Garten herein die Weiber, die am Ufer gewaschen hatten, und viel Volk ihnen nach, das vor der Zunge des Tieres flüchtete. Ich fühlte aber, daß ich mich mit den Fußspitzen und meinen Armen in dem Maschennetz der Hängematte verwickelt hatte, so daß ich mich nicht zur Flucht aufrichten konnte. Nur meinen Kopf konnte ich hin und her bewegen.
Ich sah, wie auf den Lärm im Garten der Wirt, die russische Generalin, das heute morgen angekommene Ehepaar und die zwei Fischerknaben, letztere mit den Chenilleaffen und der Drehorgel bepackt, aus dem Hause kamen und nach der Kellertür strömten, die der Wirt öffnete, und wohin alles, was im Garten war, dem Wirt nachdrängte, der dann, als alle in den Keller geflohen waren, behutsam die Kellertür von innen schloß. Ich hörte, wie der Wirt zuriegelte, und wie die Leute drinnen erst alle durcheinanderschwatzten, und wie es dann atemlos still wurde und sie alle zu horchen schienen. Jetzt war die Zunge des Tieres, glänzend weiß wie der Lichtstrahl eines Scheinwerfers und pfeifend über die Krone des Baumes, unter dem ich in der Hängematte gefesselt lag, auf das Gasthaus zugeschossen und hatte die Glastür im Speisesaal eingedrückt, deren Scherben laut klingend auf den steingepflasterten Fußboden fielen.
Alle Leute im Keller waren in Sicherheit. Auch die Tochter des Briefträgers war vorhin mit den Menschen dort hinuntergeflüchtet, und ich staunte nachträglich noch, wie furchtlos sie eigentlich gewesen war. Das junge Ding schien nur vom Strom der Flüchtlinge mitgerissen worden zu sein. Denn sie nähte, während sie in den Keller stieg, ruhig an ihrer Arbeit weiter.
Nur Ulrike hatte ich nicht aus dem Haus fliehen sehen. Aber ich wußte doch, daß sie in ihrem Zimmer oben war und Siesta hielt. Plötzlich zog sich die Tierzunge, die dünne, tastende und saugende Zungenspitze des Iguanodons, vom Hause zurück und schnellte wie eine zurückgeworfene Leimrute hoch in die Luft, gleichsam, als sei das vorsündflutliche Tier draußen im See tief erschreckt worden.
Mich schüttelten Frost und Kälte. Wie leicht konnte die Zunge jetzt pfeilschnell durch das Geäst des Baumes wieder zurückschießen und mich aus der Hängematte ziehen!
Da aber hörte ich, daß sich ein Fenster im Zimmer Ulrikes öffnete, und ich wollte dem schönen Mädchen zurufen, sie solle fliehen und sich verbergen, als ich sah, wie ein eben solcher Tierkopf, nur viel kleiner als der des Ungeheuers auf dem See draußen, sich aus dem Fenster reckte. Sein Hals wuchs und stand wie eine lange ungeheure Fahnenstange aus der Fensteröffnung. Seine Zunge schoß aus dem Rachen und züngelte lebhaft. Aber statt der Warzen hatte dieses neue Tier rote lockige Haarbüschel an seinem Giraffenhals, Haare, so rot wie Ulrikes Haar. Zugleich aber sah ich, daß die Zunge, die dieses Tier ausstreckte, keine lange Saugröhre war, sondern daß elektrische Flammen, elektrische Strahlenbündel, die viel schneller und viel gewaltiger waren als die Zunge des anderen Tieres, weit auf den See hinaussprühten und furchtbare Schläge ins Wasser austeilten. Und wo dieses Tieres Elektrizität hinschlug, schien der See bis in die Tiefe zu kochen.