Das Iguanodon draußen in der Seemitte hatte seine Zunge eingezogen, legte seinen Hals flach wie einen schwimmenden Baumstamm aufs Wasser, und es schien mir, als überlege es, ob es den Kampf mit der Nebenbuhlerin am Ufer aufnehmen, oder ob es wieder versinken sollte in sein jahrtausendealtes Wassergrab.
Plötzlich aber dröhnte die Erde. Der Baum, an dem meine Hängematte hing, zitterte und schüttelte sich, als wenn ihn ein Schauder durchführe. Zwischen den hohen vorweltlichen Baumstümpfen, die die Höhe des Monte Alto hatten, flog eine Herde blutfarbener Drachen auf. Die hatten mächtige Fledermausflügel aus roten Häuten. Der Himmel verfinsterte sich blutrot. Und die Drachen zeigten gelbe Bäuche und grünliche Brüste, hinter denen ich einen dunkelblauen Herzwulst pochen sah.
Im See aber tauchte lautlos das Iguanodon unter. Auch das Tier im Hause hörte auf, Blitze zu werfen, und zog seinen langen Hals in das Fenster zurück und verschwand. Die roten Drachen aber füllten die ganze Luft und wurden zu Millionen Drachen.
Ich sah eine Weile noch den Sonnenschein, der die vielen ausgespannten Drachenflügel rot durchleuchtete. Und von dieser Röte wurde auch der Baumstamm, unter dem ich lag, rot beschienen und ebenso Äste und Blätter. Der rote Stamm sah wie die blutige Gurgelröhre aus, die man einem mächtigen Tier ausgenommen hat. Und der Baum begann zu sprechen, und seine Äste begannen sich im Wind zu ballen wie Fäuste, und sie wuchsen und schlugen an die verschlossene Kellertüre, dahinter sich die Menschen des Hauses geflüchtet hatten. Und der Baum schrie zuletzt auf, und ich verstand jedes Wort, und mich schauderte, als er mich in der Hängematte hin und her schleuderte. Des Baumes Stimme aber rief:
»So lange ihr Menschengezücht euch höher dünkt und gewaltiger als das Höhenreich und das Unterreich, so lange sollt ihr keinen Frieden haben, da ihr keinen Frieden geben wollt. Ihr sollt nicht sicher sein in euren Häusern, nicht sicher in euren Betten, nicht sicher unter uns Bäumen. Wir werden immer wieder zu euch hereinbrechen, wir aus dem Unterreich und aus dem Höhenreich, deren Leben ihr erloschen glaubt. Und ihr werdet kämpfen müssen, so lange ihr Kampf wollt. Die roten Drachen, sie werden über euch geschickt, sie werden euch immer wieder besiegen, auch wenn eure Kämpfer elektrisches Feuer speien. Die roten Drachen, die aus dem Urblut aufstiegen, aus dem auch ihr gezeugt wurdet, sie sind es, die euch züchtigen sollen.«
Nachdem der Baum also dröhnend gesprochen hatte, wurde es still. Die rote Dunkelheit, die die Landschaft und alles um mich entrückt hatte, wich allmählich, und es wurde hell wie vorher. Der erhitzte Garten im Nachmittagslicht, voll blühender roter Nelken und roter Geranien, lag am See, trocken und scharf beleuchtet. Niemand sprach. Nichts Ungewöhnliches war zu sehen. Im Hause schien noch alles zu schlafen. Gerade vor mir an der Gartenmauer reckten sich einige blaugrüne, tierähnliche Kakteenstauden. Auf den fleischigen, gepanzerten Pflanzen sonnten sich grünschillernde Fliegen, und neben ihnen züngelte eine kleine Eidechse.
Meine Füße waren ein wenig in der Hängematte verwickelt. Ich konnte aber doch leicht aufstehen, ging zum Tisch und setzte mich in einen Strohsessel im Schatten des Hauses und dachte über das sonderbare vorsündflutliche Gesicht nach, das ich zwischen Wachen und Träumen eben erlebt hatte.
Später kamen die Damen zur Kaffeestunde aus ihren Zimmern in den Garten, und wie wir da zusammen unter dem Mispelbaum saßen, wollte ich ihnen mein Traumgesicht beschreiben. Aber als ich den Mund zum Sprechen öffnen wollte, tauchten mir ganz andere Bilder auf. Ein innerer Wille zwang mich, ganz andere Worte zu sprechen als die, die ich hätte sagen wollen. Es war von jenem Gesicht her eine unerklärliche Angst in mir geblieben, die mir ergab, daß ich neuen Schrecken, der sich hier entwickeln konnte, dadurch im voraus Einhalt tun könnte, daß ich die Zukunft den Damen so schilderte, als wäre sie bereits Ereignis gewesen.
Und ich erzählte:
»Vorhin war es Nacht hier im Garten und draußen auf dem See. Die Lampe unterm Mispelbaum brannte, und auf Ihrem Stuhl hier saßen Sie, gnädige Frau« — und ich verneigte mich leicht gegen die russische Dame. »Zu Ihren Füßen lagerten alle Katzen des Hauses, graue und schwarze nebeneinander, scheinbar schlafend, aber eigentlich mit Ihnen in die Dunkelheit horchend. Um den Tisch herum saßen alle Zwerge des Ortes. Der eine Zwerg hatte eine Kappe voll Birnen vor sich liegen, der andere Zwerg seine Kappe voll Trauben, der dritte seine Kappe voll getöteter Singvögel. Die anderen Zwerge, die neben Ihnen saßen, hatten leere Kappen, aber sie warteten, so schien es mir, jeder einen unbewachten Augenblick ab, um aus den drei gefüllten Kappen etwas zu stehlen. Aber die drei Zwerge mit den gefüllten Kappen horchten mit Ihnen und den Katzen gegen den See hin, wo eben nach dem Abendläuten das Scheinwerferboot tutete, das dann das kleine Hafenbassin von Limone verließ und seine Nachtwache an dem Ufer entlang antrat.«