Die um den Tisch Sitzenden mußten angestrengt horchen, da tief im Hause, in einem der letzten Zimmer, der Drehorgelkasten gespielt wurde. Der am Morgen angekommene alte Herr spielte das kreischende Instrument, während seine Frau mit den beiden Fischerbuben schlurchend über den Steinboden tanzte.

»Ich selbst befand mich auf dem See in einem Nachen und ruderte. Am Ende des Bootes saß die schöne Tochter des Briefträgers. Sie hatte den neuen Vollmond vor sich auf dem Schoß liegen wie ein Stück Weißzeug. Der Mond war entzweigerissen, und sie nähte mit einer großen goldenen Nadel seine Risse zusammen.

Alles Unnatürliche in meinem Traum war so selbstverständlich, wie wir jetzt hiersitzen und Kaffee trinken. Ich konnte überall zu gleicher Zeit sein, im Garten, im Haus, im Kahn und auf dem Scheinwerferboot«, erzählte ich weiter.

»Auf dem Zollboot, das wie ein langer schmaler Walfisch aus Eisen, nur wenig erhöht, über die Wasserfläche hinschoß, sah ich, umgeben von Zolloffizieren und Matrosen, Ulrike stehen. Es unterhielt sie besonders, einem Manne zuzusehen, der den Scheinwerfer handhabte. Vom Boot war über dem Wasser nichts zu sehen als nur ein kleiner Schornstein, der Lichtapparat des Scheinwerfers und ein dünnes Eisengeländer, das um das längliche Verdeck lief. In der Form einer Zigarre, und einem Wasserkäfer ähnlich, eilte das Boot auf der Seefläche hin und kreuzte pfeilartig von Ufer zu Ufer. Die Offiziere rauchten Zigaretten und freuten sich über Ulrike und über ihr rotleuchtendes Haar, das in der Nacht noch stark mit seiner Feuerfarbe lockte.

Plötzlich kam Bewegung unter die Matrosen. Ein Offizier neben dem Scheinwerfermann gab leise Befehle, und alle andern Offiziere drängten sich zu ihm heran, und jeder sah durch ein neben dem Scheinwerfer angebrachtes Fernrohr eifrig und lebhaft erregt hinauf ans Ufer.

Man hatte Schmuggler entdeckt. Ich aber wußte, da ich auch zugleich oben auf dem Berg sein konnte, daß die vom Fernrohr entdeckten Gestalten im weißen Lichtstrahl des Scheinwerfers dort oben keine Schmuggler waren, sondern der Student und der Drogist, die der Aufforderung Ulrikes nachgekommen waren und die Schmuggler spielten, nur um die Abendfahrt für Ulrike auf dem Scheinwerferboot unterhaltender zu machen.

Die Offiziere aber sagten Ulrike nicht, daß sie Schmuggler entdeckt hätten. Einer bot ihr den Arm und führte sie auf den Wink der andern in die Kajüte, wo er ihr einen Spiegel zeigte, in welchem man nicht sich, sondern sein vorsündflutliches Urbild sehen konnte. Ulrike lachte herzlich, als sie sich in dem Spiegelglas als eine Art Iguanodon erkannte.

Im selben Augenblick hörte Ulrike ein Tuten, und es wurden Befehle durch ein Sprachrohr an die Bergwand hinauf zu den Schmugglern gerufen: ›Stillgestanden! Oder wir geben Feuer!‹

Ulrike wandte sich vom Spiegel ab und zeigte dem Offizier ihr schönes Mädchengesicht und sagte:

›Ihr werdet doch nicht auf den Studenten und auf den Drogisten schießen, die nur zum Spaß die Schmuggler machen?‹