In der Nacht, als der Mond, von einer dünnen Wolke in zwei Teile geteilt, über dem See und dem Monte Alto hing, stießen geheimnisvoll zwei Boote bei der Gartentüre des Gasthauses ab. In dem einen saß ich und ruderte Ulrike und unsere Koffer, da wir uns keinem Bootsmann vertrauen wollten. Im anderen Boot saßen die russische Generalin und der Mann der vor zwei Stunden gestorbenen Frau, der eine heillose Angst hatte und nicht einmal die Beerdigung seines toten Weibes hatte abwarten wollen. Dieses Boot ruderten die beiden Fischerknaben, da es schwer und mit den großen Koffern der Generalin beladen war.
Während der ganzen Nacht ruderten die Boote lautlos Seite an Seite, und als wir die Bucht von Limone verlassen hatten, war in der Dunkelheit nichts mehr von diesem Ort bei uns als der säuerliche Duft der Zitronenfrüchte, der uns aus den Säulengärten in der milden Nacht über das Wasser noch nachkam, lockend und verführerisch, wie ein lebendes Wesen, das auf den Wellen wandern kann, ohne zu versinken.
Aber der Scheinwerfer des Wachtbootes, der sonst die Nacht so unruhig machte, war in der Mondhelle, in welcher keiner zu schmuggeln wagte, auf der anderen Seite des Sees tätig, und er streifte drüben mit seinem weißen Strahl die vom Mondschatten verdunkelten Bergwände ab.
Als wir einige Zeit gerudert hatten, riefen die Fischerknaben vom anderen Boot mir zu:
»Jetzt sind wir über die Grenze gekommen. Jetzt sind wir auf österreichischem Seegebiet.«
»Jetzt sind wir bald in Freiburg,« lachte Ulrike. Sie war im Geist längst nicht mehr auf dem See, sondern weit über den Alpen bei ihrem Bräutigam.
Ich aber war froh, daß wir dem Abenteuerherd entrannen, den ich vom ersten Augenblick an, als ich im Sturmwind in das kleine Wasserbassin von Limone hineingefegt worden war, beim Betreten des Landes mit allen Sinnen gewittert hatte.
Aber die Russin meinte, Abenteuerherde müsse es überall geben, denn sonst wäre das Leben eine Einöde. Und sie suchte begierig nach neuem Unglück.