Jetzt kam Annunziata, das Dienstmädchen. Sie hatte am Gartentor dem Briefträger die Post abgenommen und brachte uns Zeitungen und Briefe. Dabei sagte sie geheimnisvoll:

»Die Dame, die heute morgen angekommen ist, ist sehr krank. Der Wirt hat gesagt, die Krankheit könne Cholera sein.«

»Da haben wir es, das Unglück,« rief die Russin begeistert aus. »Ich packe sofort meine Koffer.«

Ulrike und ich lachten, und Ulrike sagte:

»Jetzt bekomme ich es, wie ich es gewollt habe. Jetzt werden alle mit mir abreisen. Wie froh ich bin, daß sich doch etwas Allgemeines ereignet, und daß meine Abreise nicht allein das Tagesereignis sein muß.«

Ich hatte inzwischen rasch die neue Zeitung aufgeschlagen und las, daß verschiedene Cholerafälle in Venedig und auch am Gardasee gemeldet waren. Ich schlug dann den Damen vor, zusammen noch einen letzten Abschiedsspaziergang nach den Wiesen zu machen, was die Damen auch gerne taten. Draußen vor dem Ort, in der Nähe eines alten Pestfriedhofes, der jetzt wie ein harmloser Rosengarten zwischen prächtig düsteren Zypressen lag, trafen wir die beiden Ärzte, die den Arbeitern zusahen, welche dort ein großes vitriolgrünes Zelt errichteten.

Bei der Farbe des Zeltes mußte ich an das Haus des vorsündflutlichen Tieres denken, das sich in meinem Traum aus dem See gereckt hatte und mit seiner Zunge in die Häuser eingedrungen war, aus denen es die Menschen einzeln herausgezogen hatte, um sie zu verschlingen. Bald würden hier Tragbahren ankommen. Bald würden die Häuser des kleinen Ortes einzelne ihrer Bewohner als Opfer der Cholera in dieses Zelt dem unerbittlichen Choleragespenst hingeben müssen.

Während wir noch dastanden, wurde schon auf einer verhüllten Bahre die erste Kranke aus dem Gasthaus, in dem wir wohnten, gebracht, die Dame, die mit ihrem Mann heute morgen aus Venedig angekommen war. Der Wirt mit seinem demütigen Eselsgesicht stand neben mir und stöhnte laut und hörbar, denn er wußte, jetzt würden seine Gäste fortziehen und alle Bewohner des Ortes sein Haus meiden. Und wer wußte es denn, ob nicht er und alle, die hier standen, bereits vom geheimnisvollen Choleratod gezeichnet waren?

Es war aber gar nicht mehr so leicht, dem Ort des Schreckens zu entfliehen. Die Dampfschiffe weigerten sich, in Limone anzulegen, und das Schiff, das die Ärzte gebracht hatte, war das letzte gewesen, das die Landungsbrücke berühren wollte.