»O, Sie haben eine sonderbare Art,« sagte die Russin, »einem Aufklärungen über sich selbst beizubringen. Sie nehmen einem Unglücke vorweg, die man das Recht hatte, zu erwarten,« fügte sie beinahe schmollend hinzu.
»Ich habe nichts anderes hier erwartet,« rief Ulrike jetzt, gleichfalls schmollend. »Sie glauben, daß wir alle an Sonnenstichen leiden, und Sie legen uns eine Eiskompresse aufs Herz. Dafür bin ich Ihnen eigentlich doch dankbar. Sie leuchten wie ein Scheinwerfer in uns hinein und erzählen uns dann Märchen, die Sie in uns gesehen haben, wie ein Großpapa seinen Enkeln Gruseln macht. Und recht belehrende Märchen sind das, das muß ich sagen.«
Die Russin ereiferte sich aber und meinte:
»Jedenfalls ist die Gewitterstimmung hier zerstört. Ich bin dagegen, daß man die Menschen von ihren Handlungen, die sie tun müßten, durch solch haarsträubenden Anschauungsunterricht vom blinden Leidenschaftsweg abschreckt. Jetzt wird Ulrike sicherlich nicht heute Abend mit dem Offizier auf das Scheinwerferboot gehen wollen. Der Student und der Drogist sind durch Tod abgeschafft. Ich finde, der Erzähler solcher Märchen müßte jetzt wenigstens neue Menschen und neue Ereignisse herbeischaffen. Denn damit, daß eine erzählte Geschichte aus ist, ist doch nicht das Leben der Zuhörer aus. Wir leben weiter und wollen erleben.«
»Hier kommt schon neues Leben,« rief Ulrike.
Mit dem Wirt traten zum Gartentor zwei fremde Herren in den Garten herein. Sie trugen kleine Handtaschen, und der Wirt stellte uns die Herren im Vorübergehen als zwei italienische Ärzte vor, die für einige Wochen hier bleiben sollten, und die soeben erst mit dem Dampfschiff angekommen wären.
Wir hörten nur noch, wie die Herren zum Wirt sagten, sie wollten nur rasch ihre Hände waschen, und dann die Wiese aufsuchen und den Platz bezeichnen, wo die Krankenzelte aufgeschlagen werden sollten.
»Ja, ist denn eine Epidemie ausgebrochen?« rief die Generalin, mit ihrem einen Auge belustigt zwinkernd, und richtete sich aufgeräumt aus ihren Schals und Mänteln empor.
Die Herren waren aber schon mit dem Wirt ins Haus getreten und hatten beim Geräusch der Schritte die Frage überhört.
Wir sahen einander verwundert an. Ich erinnerte mich, in der Zeitung gelesen zu haben, daß in Venedig Cholerafälle vorgekommen seien. Aber ich verschwieg es, um die Damen nicht zu erschrecken.