Häcksel war der Sohn des Finsterer, und der war Bergmann im Annaschacht gewesen. Und Finsterer war der Sohn des Labemann, und der war Bergmann im Annaschacht gewesen. Und Labemann war der Sohn des Flegels, und Flegel war Bergmann im Annaschacht gewesen. Keiner von denen war ehelich geboren. Dieses aber ist der Stammbaum der Geliebten der Mütter jener Bergmänner.

Häcksel war, was alle seine außerehelichen Vorfahren gewesen, Bergmann, und er war mehr unter der Erde als auf der Erde zu Hause.

Der junge Bursch von fünfundzwanzig Jahren war, solange er sich unter der Erde befand, höflich, friedlich und zufrieden. Aber oben auf der Erdoberfläche, beim Tageslicht besehen, schien Häcksel das Gegenteil zu sein, störrisch, unfreundlich und ungemütlich. Teils war es das Licht und die laute Welt, die ihn im Gegensatz zur molligen Grabesstille und traulichen Dunkelheit, an die er unter der Erde gewöhnt war, immer wieder von neuem reizten. Aber Licht und Lärm waren es nicht allein, die den stillen harmlosen Burschen in ein widerhaariges Ekel verwandelten. Wenn Häcksel sichs klar gemacht hätte, warum er sich oben auf der Erde, außerhalb des Schachtes, verwandelte, so würde er erzählt haben, daß ihm draußen im Leben, außerhalb der Kohlengrube, seine liebsten Unterhalter fehlten, die Bergwerkflöhe, denen er zugetan war, und die neben der Arbeit seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

Die Bergwerkflöhe aber lieben nur die laue Wärme, die im Erdinnern herrscht, und sind nicht zu bewegen, jemals an die Oberfläche zu kommen. Sie begleiten den Bergmann, den sie sich als Nahrungsfeld ausersehen haben, nie ans Licht. Sie springen immer im letzten Augenblick ab, ehe der Förderkorb den Schacht verläßt.

Häcksel hatte sich durch nichts als durch sein süßes Blut bei den Flöhen des Annaschachtes beliebt gemacht. Vielleicht war er deshalb beliebter, weil sein Blut seit Geschlechtern außerehelich, also wildsüß, gezeugt worden war.

Wenn keiner einen Floh im Schacht hatte, Häcksel hatte immer einen zur Unterhaltung bereit, und dieses verschaffte ihm manchen wahren Freund im Bergwerk. Denn die Bergleute rechnen in ihrem unterirdischen Dasein die Anregung und Unterhaltung, die ihnen die Bergwerkflöhe bieten, als eine Erhöhung ihrer lahmgelegten Lebenslust.

Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen zur Erhöhung der Geselligkeit ein Floh fehlte, schickten die Leute hin zu Häcksel und erhielten auch schon für einen Schluck kalten Kaffee einen schönen ausgewachsenen Floh von Häcksel geliefert.

Man weiß aber, daß durch fortgesetzte Inzucht auch die lebhaftesten Flöhe allmählich verblöden können, und das geschah, — nachdem aus den Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers, die, solange das Bergwerk bestand, drei Menschengeschlechter hindurch, immer nur untereinander gelebt und sich fortgezeugt hatten, — zur Zeit, da Häcksel fünfundzwanzig Jahre alt wurde und von Schwächezuständen befallen war. Die Bergleute stellten fest, daß die heutigen Flöhe ihres Geschlechtes nicht mehr so hoch springen konnten, daß sie sich auch nicht mehr so lebhaft untereinander angezogen fühlten, nicht mehr dieselben Tänze vollführten, die vorher die halbnackten Bergleute auf Brust und Rücken ihrer Kameraden bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz nicht mehr vertrauen. Sie ließen sich von jeder täppischen Hand fangen. Sie versimpelten so sehr, daß es eine Schande für das ganze Bergwerk war.

Eines Tages, es war im Februar, im Taumonat, der die Erde aufweckt und auch die Triebe der Bergwerkflöhe in der Erde beleben kann, fühlte sich Häcksel, der eben Feierabend machen wollte und seinen Pickel, womit er Kohlen gehackt hatte, an die Flötzmauer stellte, besonders lebhaft hinterm linken Ohr gebissen, so lebhaft, wie seit langem nicht mehr. Häcksel glaubte, es sei Stänker, sein Leibfloh, der frühlingslustig geworden wäre. Aber als der Bergmann mit dem Zeigefinger hinters Ohr fühlte, merkte er, daß ein kleiner, zierlicher, weiblicher Floh dasaß, und er erkannte auch bald, daß es Zinnoberchen war, eine Flöhin, die so genannt wurde, weil sie am rötesten von allen Flohdamen leuchtete, wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken hatte und man sie auf der Hand vor das Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart, daß das Menschenblut aus ihrem Körper einen rötlichen Schatten neben sie legte, wo sie gerade saß.