Häcksel war über den unerwarteten Besuch ein wenig erstaunt. Denn um die Feierabendstunde, die die Flöhe gut kannten, war meistens jede Unterhaltung zwischen den Bergleuten und ihren lieben Leibtierchen zu Ende. Die kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend unaufgefordert in den Pferdestall des Bergwerks zurück. Dieser Stall lag neben den Kohlenschachten und befand sich ebenso wie diese viele Hundert Fuß unter der Erde. Die alten Gäule, die dort fern vom Tageslicht in der Grube zum Ziehen der Kohlenkarren gehalten wurden, bekamen niemals die Sonne zu sehen und wurden mit der Zeit blind. Im Mähnenhaar der Blinden, auf den Rückenwirbeln und in den Schwanzhaaren übernachteten die Bergwerkflöhe mit Vorliebe. Dorthin eilten sie, wenn die Feierabendstunde nahte.

»Ich dachte, du wärest schon schlafen gegangen,« sagte Häcksel, als er Zinnoberchen auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt. »Du bist ja ganz abgehärmt, liebes Kind,« fuhr er in Gedanken lautlos zu reden fort. »Ich weiß, Euch fehlt neues Blut.« Er nickte und hüstelte.

Der junge Häcksel war nicht stark. Er war schwer lungenleidend. Seine Vorfahren, die da unter der Erde in der weichlichen Luft seit einem Jahrhundert Kohlenstaub schluckten, hatten ihm keine starke Lunge vererben können. Der Bergwerksarzt hatte zu dem schwindsüchtigen Häcksel gesagt, ein schwacher Mann wie er dürfe nicht heiraten, und er dürfe auch keine Frau küssen, da er mit Kuß und Umarmung nur Unheil anstiften könne. Ein Schwindsüchtiger müsse nicht daran denken, Kinder zu zeugen. Durch ihn würden nur armselige kranke Menschen entstehen, die ihm und der Welt zur Last fallen würden.

Häcksel hatte es am Feierabend darum nie so eilig wie seine Kameraden, um hinauf ans Licht der Welt zurückzukehren. Ihm war im Bauch der Erde wohl, wo es in Dunkel und Einsamkeit keine Wünsche gab. Nichts erwartete ihn außerhalb des Bergwerkes als ein Strohsack in seiner Kammer, und es lockte ihn nicht einmal dieser, da das Stroh ein Geheimnis verbarg. Häcksel hatte im Stroh seit Jahren eine alte Geldtasche verborgen. Die war voll alter Silbergulden. Die hatte er in einem blinden Stollen unter der Erde gefunden, in einem Gang des Bergwerks, der nur ihm allein bekannt war, und der im Bergwerksbuch als vor Jahren von einem schlagenden Wetter verschüttet aus dem Bergwerkplan ausgestrichen und nur als blinder Stollen bezeichnet stand.

Häcksel hatte von jenem Unglück von seinem Vater öfters erzählen hören. Der Alte hatte behauptet, bei den Verschütteten dort in dem blinden Stollen müsse sich auch Geld befinden, denn es war bei den Verunglückten damals ein zufälliger Besucher des Bergwerks mit umgekommen. Man hatte wohl versucht, nachzugraben, hatte aber die mühsamen Arbeiten bald eingestellt und den Stollen verlassen.

Häcksel strolchte dort gern im Bergwerk herum und klopfte mit seinem Pickel jahraus jahrein nach Feierabend in dem verschütteten Gang das Gestein zur Seite. Eines Tages stieß er auf ein Gerippe, bald auf ein zweites und drittes Gerippe, und dort fand er auch die alte Geldkatze voll alter Silbergulden bei den Gebeinen liegen.

Häcksel konnte gut schweigen. Wenn ihn manchmal der Gedanke lockte, seinen Kameraden von dem Fund zu erzählen, so hustete er sich schnell und heftig den Sprechreiz aus Brust und Kehle fort.

Das Bergwerk lag in der Nähe eines oberbayrischen Sees, in den Vorbergen der Alpen, und eine kleine Bummelbahn führte von dort an den Dörfern vorüber bis München. In mancher Nacht, wenn Häcksel daheim in seiner Hütte die alten Silbergulden mit gepulverter Kreide blankputzte, nahm er sich vor, am nächsten Tag hinein nach München zu fahren und das Geld bei einem Wechsler in Markstücke umzutauschen. Aber er hatte sich fest vorgenommen: zum Leben wollte er nichts von diesem Geld ausgeben. Das Geld sollte nur für sein Begräbnis ausgegeben werden. Denn der Todesgedanke war Häcksels Lieblingsgedanke. Er sagte sich immer, vom Tod könne er nur das Beste erwarten. Vor allem erwartete er vom Tod Gesundheit. Wenn er diesen kranken, elenden, ewig hüstelnden Körper abgelegt hätte, dann würde er gesund auferstehn, meinte Häcksel. Es stand fest und klar in ihm, daß er mit seinem Tod ein neues und gesundes Dasein beginnen würde. Darum war sein Sterben sein schönstes und stolzestes Ereignis, das er zu erwarten hatte, und er wünschte sich, um diese Verwandlung von Krankheit zur Gesundheit würdig zu begehen, ein würdiges Begräbnis, eine teuere Seelenmesse, mit Orgel, Musik und Glockengeläute, ebenso wie das, das unlängst der Hauptmann der Feuerwehr des Bauernortes, in welchem Häcksel wohnte, bekommen hatte, welches ein erstklassiges Begräbnis gewesen war. Ob nun das Silbergeld im Berg bei den Gerippen lag, untätig und unnütz, oder ob es für ein schönes Grab und einen schönen Sarg Verwendung finden würde, das konnte den Gebeinen des Kaufmanns, den der Kohlenschutt deckte, wohl gleich sein.

An diesem Feierabend, an welchem Häcksel auf seinem Zeigefinger die kleine Flöhin Zinnoberchen vor das Grubenlicht hielt, dachte er eben lebhaft daran, einen Tag festzusetzen, um endlich die Silbergulden in der Stadt in Markstücke umzuwandeln, als ihm die Flöhin lebhaft hinter das linke Ohr gebissen hatte. Dann ging er mit dem Tierchen nach dem Pferdestall, um Zinnoberchen sorgsam auf einen Pferderücken zu setzen. Aber auf halbem Weg war ihm seine alte Flohbekanntschaft vom Finger verschwunden. Er glaubte, sie habe allein den Weg zum Pferdestall gesucht. Der Floh aber war auf seine Bergwerkmütze gesprungen. Dort saß er zwischen Hutschirm und Band, und in der Nacht in Häcksels Kammer blieb er beharrlich auf Häcksels Mütze sitzen, und als es ganz still im Zimmer war, hörte der Bursch den Floh auf der flachen Mütze leise springen.