Der Löwe beschnupperte den Schlafenden, und der Laternenmann beleuchtete ihn, und dann setzten sich Löwe und Greis zu beiden Seiten neben Häcksel nieder und schliefen neben Häcksel ein. Die Laterne, die auf dem Pflaster stand, beleuchtete alle drei Gesichter, und auf Häcksels Stirn kamen seine Schicksalslenker zusammen. Das waren stattliche Flohkerle, die aus den Polstern der alten Droschkenkissen zu Häcksels Flöhin Zinnoberchen gehüpft waren. Die Flöhe berieten, was aus ihnen werden sollte, denn sie hatten gesehen, wie der Rothaarige, der Schutzmann und der Schutzengel Häcksels ganzes Geld behalten hatten, und sie wußten, daß diese Leute Spitzbuben gewesen waren.
»Seid nur ruhig!« sagte ein Floh des Laternenmannes. »Wir treffen alle zusammen im Haftlokal wieder. Sie sind schon verhaftet worden, weil die vielen Silbergulden, die sie ausgaben, Verdacht erweckten.«
Und ein Floh aus dem Löwenfell machte Zinnoberchen stark den Hof und tat sehr verliebt und versicherte, ihr bis ans Weltende folgen zu wollen. Als er aber von ihr seinen verliebten Willen erreicht hatte, sprang er vergnügt hoch in die Luft, kam aber aus der Luft nicht mehr zurück. Denn er war heimlich hinter den Plankenzaun gesprungen, wo ein Hühnerhaus stand, und dort ließ er es sich wohl sein bei den Flöhen der Hühner.
Die Laterne brannte noch, als es schon Tag wurde, und der Löwe, der Greis und Häcksel, alle drei schliefen fest und schnarchten wie besessen, trotzdem die Bäckerjungen auf Fahrrädern mit Körben und Säcken voll Brot an ihnen vorbeiradelten und ihr Morgenlied pfiffen.
Einmal aber versah sich einer der Bäcker aus Erstaunen über die drei Schläfer, so daß sein Rad an den Straßenrand stieß und sein Korb mit Brot im Bogen fortflog und gerade dem schlafenden Häcksel an die Stirn fiel.
Häcksel erwachte, sah vor sich einen offenen Korb, der voll duftender frischer Brötchen war. Er griff mit beiden Händen zu, und er hatte bereits zwei Wecken verschlungen, als der gestürzte Bäckerbursche herbeigelaufen kam und ein großes Geschrei aufschlug, weil er Häcksel sah, der ein Brot nach dem andern verzehren wollte. Auch der Löwe und der Greis waren erwacht und griffen, da es sie hungerte, nach dem Brot. Als der Bäcker so sehr schrie, warf ihm der eine die brennende Laterne an den Kopf. Zuletzt aber, wie der Bäcker die drei einträchtlich seine Brötchen verschlingen sah und sie genauer betrachtete, lachte er hellauf und fuhr rasch radelnd davon, denn er war in der Nacht als weiblicher Schutzengel verkleidet gewesen und erkannte plötzlich Häcksel wieder, dem er das Silbergeld gestohlen hatte. Er war entschlüpft, als man seine Kameraden, den Rothaarigen und den Schutzmann, verhaftet hatte und hatte zu Hause seinen Vergißmeinnichtkranz, seine blonde Perrücke und sein Schleiergewand abgelegt und war in seine Bäckerei, wo er Lehrling war, geeilt, weil er die Wecken austragen mußte. Jetzt aber fürchtete er, von Häcksel erkannt zu werden, und eilte schleunigst fort.
In dem Korb waren aber auch Bierbrezeln, und als der Löwe und der Greis sich satt gegessen hatten, ließen sie Häcksel den Korb und sagten, als er ihnen klagte, daß ihm sein Geld gestohlen sei, er solle die Bierbrezeln in den Wirtshäusern verkaufen, damit er Heimreisegeld bekäme. Dann raffte der Greis seine Laterne auf, und der Löwe verbeugte sich, und beide verschwanden am Ende der Straße im Morgennebel.
Häcksel aber, dem der Mund trocken war, ging zu einer Straßenpumpe, wo eben ein Kutscher seinem Gaul Wasser gab. Er bat den Kutscher, daß er ihm vom Wasser aus der Pferdekufe trinken lasse. Als er getrunken hatte und sich aufrichtete, erzählte er auch diesem Kutscher, daß man ihm sein Geld gestohlen hatte. Der sagte, er habe schon davon gehört. Ein Kollege habe ihm heute morgen erzählt, daß zwei Fahrgäste, ein Rothaariger und einer, der als Schutzmann verkleidet war, einem Mann einen Ledergurt mit Silbergulden gestohlen hätten, und daß beide von wirklichen Schutzleuten zum Haftlokal geführt worden seien.
Dem Häcksel wurde ganz wohl, als er das hörte, und er schenkte dem Kutscher die Bierbrezeln und bat, ihn dafür zu jener Polizeistation zu fahren, da er seinen Ledergurt wiederholen wollte.
Der Kutscher tat das auch. Und Zinnoberchen, als es hörte, daß Häcksel freiwillig zum Haftlokal fahren wollte, war vergnügt und guter Dinge und vermißte ihren treulosen Floh aus dem Löwenfell nicht länger.