Es war ein ziemlich harmloser Ehebruchstraum. Da ich gar nicht für Vielweiberei veranlagt bin, erstaunte mich der Traum, und ich mußte am Morgen ein kleines Gedicht darüber schreiben. Das Gedicht schilderte ein paar Tanzschritte, die ich im Traum mit Claudia tanzte. Sie war vom Hals bis zum Fuß in einen weißen Seidenschal schlank eingewickelt, und wir hielten uns zum Tanz nah, und dabei sahen Claudias Augen, jene unbeschreibbaren Augen, unerbittlich in mich hinein. Ich fand auch in jenem Gedicht wieder keinen zutreffenden Vergleich für diesen Blick, sondern nur den ganz blöden romanhaften, daß Claudias Auge ähnlich einer Messerklinge war, die auf schwarzem Samt liegt.
Dieser Vergleich mag mir deshalb gekommen sein, weil Claudia einmal in einer zornigen Aufwallung ein spitzes Messer nach ihrem leichtlebigen Gatten geschleudert hatte. Dieses Messer sauste damals, ich weiß nicht, ob ich sagen soll zum Glück oder zum Unglück, an dem sich behend Duckenden vorbei, blieb aber senkrecht wie ein Stahlpfeil im Türbrett stecken, wo es noch eine lange Weile zitterte.
Nur deshalb verzieh ich mir in dem Gedicht jenen romantischen Vergleich. Aber jetzt brauche ich mich überhaupt nicht mehr abzumühen, mir die Augen Claudias zu erklären. Sie selbst hat es neulich getan.
Es war im Winter, ich hatte mich mit einigen Freunden und Freundinnen, unter denen auch Claudia war, verabredet, mich mit ihnen am Eingang des Zoologischen Gartens zu treffen. Ich kam etwas verspätet aus einer Kunstausstellung und dachte, daß alle Freunde schon gekommen wären. Durch die großen Scheiben des Autos blickte ich unruhig der Fahrt voraus, um schnell zu wissen, ob ich wirklich der letzte sei, denn die Verspätung ärgerte mich. Meine Uhr aber schien falsch zu gehen. Ich war noch zu zeitig da, sogar einer der ersten, denn nur Claudia wartete schon vor dem Eingang. Ich sah sie dort im schwarzen Samtmantel mit schwarzem Skunksschal, schwarzer Samtkappe mit schwarzem Reiher, schwarz auf dem hellen kahlen Asphaltpflaster im kahlen Januarnachmittag stehen und sich nach meinem vorfahrenden Auto umsehen.
Aber es ist nicht richtig, wenn ich sage, daß ich all dieses Schwarz, in dem Frau Claudia jetzt immer mit Vorliebe auf der Straße erschien, zuerst gesehen hätte. Ich sah zuerst nur jene schwarzen Augen, nachdem mich ihr Blick aus dem immer todbleichen Gesicht traf. Auch Claudias Haar ist schwarz, wie ihre Kleidung. Dieses schwarze Haar trennt sich aber vom Gesicht nicht mehr als das Kleid. Es lebt nicht mehr als dieses. Leben haben nur Claudias Augen, ein Leben, das ungeheuerlich weit aus dem Gesicht fortgerückt scheint. Nicht Leben, das einem entgegenkommt. Man könnte sagen, daß man eine aufgezeichnete Landkarte vom Leben, Weltteile von einem Leben, in den schwarzen Augen schaute, wenn der Blick jener Frau einen traf.
Nach einer Weile kamen die andern Freunde, und wir traten in den leeren Zoologischen Garten ein, wo die blätterlosen Bäume öde gegen den mattgrauen Winterhimmel standen und, ebenso wie die Augen Claudias, nur Lebenslinien, hoch von der Erde weggerückt, Haltung und Bestimmung zeigten, aber keine blätterrauschende Sommerfreude.
»Wo wollen wir zuerst hin?« fragte einer den andern.
Jemand schlug vor, zu den Raubtieren zu gehen. Ein anderer wollte zu den Affen. Ein dritter zu den Papageien. Nur Claudia sagte immer dazwischen:
»Aber zu den Eulen müssen wir auch gehen! Ihr wißt nicht, wie schön die Eulen sind. Ihr habt ihre Augen sicher nie betrachtet. Ich sage euch, es sind wunderschöne Vögel. Ich gehe nie aus dem Zoologischen Garten fort, ohne bei den Eulen gewesen zu sein.«