Als Claudia so eifrig die Eulen bevorzugte, ging sie in der Mitte der kleinen Gesellschaft, von den Damen und Herren umgeben, und sie blickte nur ab und zu nach links und rechts, und sie lächelte. Und ich mußte an den Rattenfänger von Hameln denken, der an der Spitze einer Kinderschar schreitet und diese mit seinen eindringlichen gleichmäßigen Flötenlauten in einen finsteren Berg lockt, der sich bald hinter den Ahnungslosen schließen wird.
So gingen diese schwarzen Augen, die ich bis zu jener Stunde immer noch nicht beschreiben konnte, allen anderen Augen voran, von denen keine mit so schicksalstiefen Blicken, unheimlichen Flötenlauten ähnlich, anziehen konnten wie Claudias Augen. Mir schien, wir andern wären plötzlich alle schwarz wie Claudia gekleidet, als sie uns immer wieder von den düsteren Eulen sprach. Eulen waren ihr die liebsten Tiere des ganzen Gartens und die schönsten Vögel der Welt. Und ich konnte mich bald nicht mehr des Wunsches erwehren, zu keinen anderen Tieren zu gehen als zu den Eulen. So ging es schließlich allen, die um Claudia waren. Die Eulen wurden für jeden der Mittelpunkt des Gartens. Und während die Stimme der schwarzäugigen Frau die Eulen pries, wie ich es noch nie von jemandem gehört hatte, und während einer nach dem andern seine eigenen Wünsche fallen ließ, sah ich auf dem Fünfminutenweg hin zu den Eulenkäfigen Claudias Leben, das sich rasend vor mir abspielte. Man sagt, daß einem von einem Turm oder Berg Stürzenden innerhalb der Sturzsekunden das Leben in blitzartigen Bildern vor den Augen vorüberrase. So geschah es mir mit Claudias Leben auf dem Weg zu den Eulenkäfigen.
Vorher hatte ich es nie im Zusammenhang gesehen. Nie hatte sie selbst mir viel erzählt. Nur Andeutungen, nur Sätze und nur kurze Geschehnisse, erzählt von gemeinsamen Freunden über sie, lagen zerstreut in mir.
Nun aber schossen mir alle diese Eindrücke, wie von einem Magneten angezogen, auf dem Weg zu den Eulen zu einem so tragischen Lebensbilde zusammen, daß mich jeder Schritt marterte, den ich neben Claudia weitergehen mußte. Und doch lockte mich die Erhabenheit eines verfinsterten Menschenlebens, so wie schmerzliche Flötenlaute bestricken und uns fortführen können in ein Dickicht, durch Stacheln und Dornen.
Claudia war einst eine starke, mutige, das Leben herausfordernde, tapfere, junge Studentin gewesen. Der Mann, den sie heute noch liebt, trotzdem er ihr Grauen einflößt, trotzdem er täglich Mühlsteine an ihre Seele hängt, war damals ein hoher schlanker Student. Claudia hatte ihm den Namen Dagon gegeben; Dagon, der biamesische Gott des Ungeheuerlichen, der Gott des Verschlingens ohne Ende, der Gott der Lebensunsicherheit, zu dem alle Sterblichen beten, und der ihnen nichts für ihr Gebet gibt, keine andere Gewißheit als den Tod. Dagon, der Gott des grauenhaften Nichts, der Schicksalsrachen, der die Menschheit zermalmt, dem niemand Widerstand leisten kann, der Gott, für den die Blumen welken, die Vögel tot aus dem Himmel fallen, vor dem aus Furcht die Erde zu zwei Dritteilen in das bittere Angstwasser ihrer Meere gehüllt steht, während nur ein Drittel der Erde Dagon die Stirnen der Berge als Widerstand hinstellt.
Claudia hatte diesen Namen wie in einer Vorahnung ihres Schicksals dem jungen Studenten gegeben, damals noch nicht wissend, wie tief erkennend sie dabei war. Denn wie stark der Gott allmächtiger Willkür in dem Geliebten verkörpert war, das erfuhr sie erst im Laufe der Zeit.
Es waren zuerst nur Kleinigkeiten gewesen, die Claudia den Namen Dagon und damit die Erscheinung des gruseligen Gottes vor die Augen führte, wenn sie den jungen Mann und zukünftigen Lebensgefährten beobachtete. Es belustigte sie, den Geliebten auf Widersprüchen zu ertappen, aus denen er sich lächelnd und kühl überlegend oder mit einem gewandten Geistessprung ins Blaue ihren starken schwarzen Augen entrückte. Damals merkte sie zuerst, daß jener Mann in noch einer ihr fremden Dimension lebte, die sie nicht an anderen Menschen kannte, die Dimension des Fabelhaften, die Dimension, in der die Wirklichkeit und der Schein, die Wahrheit und die Lüge nebelhaft ineinander gleiten. Eine Welt war in ihm, wo Wirklichkeit auf dem Kopf steht und Unwirklichkeit wird, ähnlich wie Häuser am Ufer eines Flusses im Spiegelglanz des Wassers mit dem Dach nach unten stehen und scheinbar auf einer anderen Weltseite leben, einer Welt, die tief scheinen will, unergründlich aussehen will, die aber nichts ist als ein auf den Kopf gestelltes Zerrbild der Wirklichkeit.
So spiegelte das Gehirn jenes Mannes, mit scheinbaren Unergründlichkeiten verblüffend, die Ufer des Lebens wieder, indem es das Feste beweglich machte, es wahnwitzig verzerrte, es für unergründlich ausgab.
Ehe Claudia sich mit dem Studenten verlobte, war ein anderer Mann ihrem schwarzen Blick verfallen, ein junger Adeliger, der sich von ihrer Anziehungskraft nicht losmachen konnte, trotzdem er von Claudia nichts zu hoffen hatte. Sie trug damals ihr schwarzes Haar kurzlockig geschnitten und, nach Knabenart, in der Mitte gescheitelt. Sie rauchte auch, als es noch nicht allgemein war, daß Frauen Zigaretten rauchten. Sie wäre vielleicht auch am liebsten in Herrenkleidung ausgegangen. Ihr immer elfenbeinblasses Gesicht zeigte rote frische trotzige Lippen, und alles Verwegene, Herausfordernde, menschlich Kühne erregte sie, da ihr eigener junger Körper der Welt knabenhaft verwegen und widerspruchsvoll gegenübertrat.