»Sie ist unglücklich und kann dabei noch singen, wunderschön singen, verstehen Sie das?« fragte sie mich dann.
»Das tun die Nachtigallen auch, die unglücklich sind, wenn sie eingesperrt sind, sie singen um so schöner, je dunkler es um sie wird,« mußte ich erwidern. »Aber warum ist sie bewacht, wenn sie engelrein ist, wie ihre Freundin sagte? Verstehen Sie das?« fragte sie mich hartnäckig weiter.
»Der Schuldige belauert immer den Unschuldigen. Ihr Mann soll ihr untreu sein, hat jene Dame neulich nachts gesagt,« suchte ich zu erklären.
»Aber warum trennen die beiden sich nicht, warum? Können Sie mir das erklären?«
»Das kann ich nicht erklären,« sagte ich darauf.
»Aber Sie müssen es mir erklären,« bat meine Begleiterin ängstlich. »Ich fühle, ich kann in dieser Nacht nicht schlafen und werde immer an jene singende Frau denken müssen, die ihren Gram, ihren Herzkummer und ihre Einsamkeit sich fortsingen muß.«
Und welche Stimme, dachte ich bei mir: so singen nur die Erzengel vor Gottes Thron, so mächtig, wenn sie aufweinen über die Schmerzen der Welt.
»Erklären Sie mir das Geheimnis! Erklären Sie mir, wie kann man Ungerechtigkeit erdulden, ohne sich zu wehren?«
»Wie wehren sich die gefangenen Singvögel, wie wehren sich wehrlose Frauen? Sie singen aus Notwehr, wenn sie Stimme und angeborene Musik in sich tragen; sie singen sich ihr Weh vom Leibe. Sie singen sich vom Gift der Qualen frei. Anders wehren sich die, die innerlich singen können, nie.«