Und ich mußte bei den alten gefangenen Edelsteinen an die Schaufenster voll gefangener Vögel, Blumen und Affen denken.
Ich sagte dieses zu meiner Begleiterin, und im Anschluß an die Erzählung von meinen nächtlichen Schaufenstern berichtete ich ihr auch mein Erlebnis mit der Dame und der Aufpasserin, die jenes Haus allnächtlich bewachte.
Meine Freundin wollte sofort, daß wir die Aufpasserin besuchen sollten. Wir kamen dann vor jenes Haus, aber wir vermieden die Häuserseite und gingen unter den winterkahlen Bäumen der anderen Straßenseite am Rande eines schwarzen Kanalwassers entlang.
Wir sahen die Frau wieder horchend am Eisengitter des Vorgartens stehen, oben aber in der Villa, deren Tür die Aufpasserin ins Auge gefaßt hatte, waren zwei erleuchtete Fenster.
Meine Begleiterin, die ein sehr feines Gehör besitzt, sagte plötzlich zu mir: »Hören Sie doch, im Hause singt eine Frauenstimme!«
Wir standen hinter einem breiten Baumstamm still, und in den Pausen, die zwischen dem Lärm vorübersausender Autos nur sekundenweise eintraten, hörten wir einen wundervollen Gesang. Dazu die feine Begleitung eines Instrumentes.
Ich hätte die Autos aufhalten mögen, die sich immer wieder an dem Kanal und der Baumreihe entlangstürzten und die mich nur kleine Stücke des großen Liedes auffangen ließen.
»Eine Sängerin,« sagte meine Begleiterin mit begeisterten Augen. »Und zwar muß es eine große Sängerin sein, denn ihre Stimme ist herrlich.« »Sie singt,« sagte ich, »sie singt so erschütternd und ergreifend. Es ist, als schluchzt sie die Töne, als wäre sie eine weinende Quelle in einem heiligen Hain, wo die Bäume dunkel und feierlich nicht rauschen dürfen, solange die Quellenstimme singt.«
Wir standen lange still. Dann verdunkelte sich oben das eine Fenster, und für einen Augenblick erschien der dunkle Umriß einer schöngebauten Frauengestalt hinter dem Vorhang, die in Haltung und Wuchs edel war wie ihr Lied. Es war eine hoheitsvolle mütterliche Erscheinung. Der Kopf schien in den bestirnten Nachthimmel zu schauen, und mir war, als trüge sie noch die Rhythmen des Liedes wie große Schwingen an ihrer aufgerichteten Gestalt. Das Aufpasserweib unten am Vorgarten stierte hoch und ging langsam, wie beunruhigt, einige Schritte von der Haustüre fort. Dann wurde nach einer Weile das Licht oben ausgelöscht. Das Haus lag wie ein toter Käfig bei den andern Häuserkäfigen. Und die Aufpasserin stand wieder an ihrem Platz wie eine Schildwache. Wir gingen dann weiter. Meine Begleiterin war nachdenklich geworden. Sie schien im Geist in jenes Haus eingedrungen zu sein, um die bewachte und singende Frau dort auszuforschen. Aber sie schien dabei ebenso wenig eine Antwort zu bekommen wie ich damals, als ich die Aufpasserin in jener Nacht gefragt hatte.