Ihr dumpfrotes dickes Kopftuch war ein wenig vom Schädel zurückgerutscht, und sie sah mit dem grauen platten Haar elend und armselig aus. Aber ihre kleine Stirn hatte etwas hartnäckig Ausdauerndes wie ein Stein, den man vergeblich auf Steine stößt und der nicht zerspringt. Mager und blutleer, ausgekältet von ewigen Nachtfrösten, stand sie dort. Aber nicht zusammengekauert vom Elend, sondern verzweifelt, halsstarrig wie ein Nagel, der spitz aus einer Kiste heraussteht, und an dem sich alle Vorübergehenden die Kleider zerreißen. Der Nagel aber weicht nicht, er sticht und reißt jeden in die Haut, der unvorsichtig in seine Nähe kommt. So stand diese Gestalt seit Monaten von Mitternacht bis zum Morgengrauen und wich nicht und änderte ihren Standplatz nie.
Sie hatte keinen wirklichen Blick in ihren Augen. Trotzdem sie mich anstarrte, schien sie mich nicht zu sehen. Sie horchte nur, immer weilte ihre Aufmerksamkeit nur in ihren Ohren. Man merkte es ihr aber an, daß sie geschäftsmäßig, auf Bestellung und für Bezahlung dastand, denn sie zeigte in Haltung und Miene ärmlich weiblichen Pflichteifer.
»Sagen Sie mir,« fragte ich laut und dabei lächelnd und blieb eine Sekunde im Gehen stehen, »warum um Gottes willen warten Sie Nacht um Nacht bis zum Morgen hier? Ich habe Sie nun schon oft beobachtet. — Dürfen Sie es nicht sagen?« fuhr ich fort, als sie schwieg. Sie hatte mich einen Augenblick von der Seite angesehen, beinahe ebenfalls belustigt wie ich, dann aber starrte sie mit abgewendetem Gesicht nach einer andern Himmelsrichtung, wie ein Hund, den man anredet, und der fortsieht und sich besinnt, ob er böse werden soll oder nicht.
»Na, wenn Sie es nicht sagen wollen,« sagte ich gedehnt und wartete, um ihr Zeit zu lassen. Sie aber sah immer starr in die Seitenstraße und rührte sich nicht.
»Wenn Sie nichts sagen dürfen —,« lachte ich und ging langsam und nahm mir vor, wenn nicht heute, dann doch morgen von neuem zu fragen. Aber diese Frau würde sicher nie antworten, sagte ich mir zugleich. Sie mußte ihr Geld verdienen und verdiente es nur, wenn sie schwieg und horchte. Mir schien, man hätte ihr ein Stemmeisen zwischen die Lippen stoßen können, sie hätte keinen Laut von sich gegeben und den Mund nicht geöffnet. Dieses war mein Eindruck. Welch schrecklicher Gefangenwärter war sie! Und wessen Gefängnis mochte sie bewachen? —
Ich bog in die Seitenstraße und ging bis zur Potsdamer Straße zurück. Dort fand ich die Dame im Schatten eines tiefen Haustores, auch stand ein Automobil am Straßenrand, dessen Tür offen war.
Ich schüttelte von weitem den Kopf, und die Fremde nickte und kam mir entgegen. »Ich wußte, daß diese Kreatur nichts verraten würde,« klagte die Dame enttäuscht. »Ich habe sie neulich bereits selbst gefragt und habe sie befragen lassen, aber sie antwortet niemandem. Sie bewacht nämlich die Haustüre einer unglücklichen Freundin von mir. Und ich möchte wissen, ob der ungetreue Mann meiner Freundin oder andere Leute diese reinste aller Frauen beobachten lassen, um sie in Verdacht zu bringen.« Sie dankte mir dann und entschuldigte sich und ging zum Auto, das ein Privatwagen war. Ich hatte das Fahrzeug vorher in meiner Überraschung, und da ich in Gedanken am Schaufenster bei dem Mammosettäffchen gestanden hatte, gar nicht bemerkt. Der Wagenschlag wurde vom Kutscher zugeworfen, und die Dame flog wie der Nachtwind aus meiner Sehweite fort. Ich stand und wunderte mich eigentlich gar nicht. Denn daß ein Geheimnis, eine Grausamkeit, eine Ungerechtigkeit mit der geheimnisvollen nachtwachenden Kreatur drüben um die Straßenecke in Verbindung stand, das hatte ich mir schon lange gedacht.
An einem der nächsten Abende begleitete ich eine mir befreundete Dame vom Künstlertheater nach Hause, und da es eine sternhelle Nacht war, wollte meine Begleiterin nicht fahren, sondern sie wollte schlendern und die Nachtluft atmen. Wir kamen in der Nettelbeckstraße an dem Schaufenster eines Juweliers vorüber, das die ganze Nacht über beleuchtet dasteht. In diesem Laden gibt es nur alte Schmucksachen, alte Familienschmuckstücke, Familiensilber, altmodische Fingerringe. Da sind viele ergraute Perlen, müde gewordene Edelsteine, graue matte Rosensteine in grauen, trüb gewordenen Silberfassungen.
Wir standen und ließen unsere Augen wühlen und freuten uns, uns gegenseitig zu überraschen mit unserer Vorliebe für die verschiedenen Steine, indem wir in allen Verstecken des Schaufensters nach besonders edlen Fassungen und besonders schönen Schmuckstücken suchten.
Bei diesem lässigen Spiel kam mir der Gedanke, daß die alten Schmuckwaren hinter der Glasscheibe mehr Sorge als Freude in sich trügen, und daß das Schaufenster aussah wie voll Gefangener, die da, herausgerissen aus ihren Lebenswegen, warten mußten, bis sie aus dem Fenster befreit würden, bis sie wieder an warmen Menschenhänden, an zarten Frauennacken, in Frauenhaaren und an Frauenwangen leuchten, aufleben und frei sein durften. Denn das Leben der Steine beginnt erst, wenn sie in Schönheit getragen werden, bei festlichem Licht und festlichem Blut.