Auf der Stange des Käfigs, darauf eigentlich ein Kanarienvogel sitzen sollte, kauert mühsam das Äffchen. Die Stange ist zu schmal, und es fällt oft herunter. Wenn es sich in dem winzigen Gitterraum bewegen wollte, müßte es sich rund um sich selbst bewegen wie die weißen Mäuse und müßte irrsinnig werden. Weil es aber ein sanftes Tierchen ist, so will es keines irrsinnigen, sondern eines sanften Todes sterben. Es wird also scheinbar zahm, das heißt, es sitzt auf einem Fleck und stirbt langsam ab.
Wenn ich die nächtlichen Straßen hinauf und hinunter sehe, so scheinen mir die menschlichen Häuser auch nichts anderes als steinerne Käfige zum Zahmwerden und zum Absterben.
An einer Straßenecke stand während zweier Monate in jeder Nacht um zwei, drei, vier Uhr eine und dieselbe Frau. Sie war gekleidet wie eine Hausmeisterin in ein einfaches Hauskleid und hatte nur ein wollenes Tuch über dem Kopf und über der wollenen Manteljacke. Armselig, aber atemlos lauernd, stand sie immer am selben Fleck. Sie wartete nicht auf jemanden, aber sie horchte nach jemandem hin. Sie horchte nach der Richtung einer Haustüre hin. Sie war eine vertrocknete, abgearbeitete Frau, die sich durch Spionage einen Nachtverdienst machte, das erfuhr ich eines Abends. Im Haus aber, das sie behorchte, sang oft in der Nacht im Oberstock eine Frauenstimme.
Wenn ich mit Freunden dort vorbei ging, oder wenn ich allein aus Theatern und Gesellschaften kam, immer stand diese Aufpasserin an dem Gitter des Vorgartens, angewurzelt wie ein Baum. Immer horchte sie nach jener Haustüre hin, aber nicht immer sang die Frauenstimme in der einzelnen Villa.
Eines Abends, als ich eben wieder von meiner Vogelhandlung und von dort zur Blumenhandlung und von dort zum Mammosettäffchen gewandert war, kam eine vornehme Dame aus dem Schatten eines Haustores. Sie schien mir wie von der Nachtluft aus irgend einer fremden Stadt hergeweht auf die Potsdamer Straße. Vielleicht hatte sie mich schon längst beobachtet und hatte mich bei den gefangenen Vögeln, dann bei den gefangenen Blumen und jetzt bei dem gefangenen Äffchen stehen sehen.
»O, mein Herr,« sagte sie, »darf ich Sie um einen Dienst ersuchen?« Und ihre Stimme war wehklagend wie die Stimme einer Gefangenen. »Würden Sie mir den Gefallen tun, jene Frau dort um die Ecke anzureden und zu fragen, warum sie immer Nacht für Nacht dort steht, und wer sie dort hingestellt hat zum Aufpassen?«
»Gern,« sagte ich. »Ich bin selbst neugierig, es zu wissen.«
»Ich werde Sie hier erwarten,« sagte die erregte Dame. Ihre Brust hob und senkte sich, und ihr zitternder Atem kam wie ein feiner Nebel aus ihrem Schleier und verflüchtigte sich in der eisigen Nachtluft.
Dieser feine graue Hauch aus den Lippen der sichtbar Geängstigten, trieb mich zur Eile an.
Ich ging und zwang meine Schritte, daß sie möglichst gleichgültig schienen. Ich bog um die Straßenecke und ging dort zuerst an dem horchenden kleinen ältlichen Weib vorbei. Ich sah sie gar nicht an. Dann wendete ich wieder einige Schritte um und ging langsam denselben Weg zurück. Dabei betrachtete ich die Aufpasserin genau, denn sie sah mir unter der Laterne, wo sie stand, ins Gesicht.