Einmal hatte ich am Tage hier an dem Schaufenster um die Mittagstunde mit den Händen in den Taschen einen armen, ganz dürftig gekleideten Arbeiter stehen sehen. Der schien sich in das Leid der Vögel hineingedacht zu haben. Er sah andächtig jedes Tierchen an und war verwundert, wie mir schien, daß diese schönen geflügelten Geschöpfe kein besseres Schicksal hatten als das des Gefängnisses. Nicht einmal ihren Gesang konnten sie genießen. Denn es singen die verschiedenen Vogelarten zu gleicher Zeit lärmend durcheinander. Es sang der Weltteil Afrika, der Weltteil Australien, der Weltteil Asien. Die Spitzen der Flugfedern an Schwanz und Flügeln haben sich die Vögel an den Gittern abgestoßen. Am Tag fallen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und nachts reißen sie sie auf vor Schrecken und gequält von dem stechenden, kaltweißen Bogenlicht der Straße und von den wütend jagenden Automobilen.

Um zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr nachts rücken die armen Vögel immer noch unruhig hin und her, zu müde, um wach sein zu können, und zu wach gehalten, um einschlafen zu können.

Ich kam mir unbehaglich wie ein großer wandelnder Turm vor, solange ich vor den winzigen Vögelchen stand, und so ging ich weiter, an den Glaswänden der Schaufenster entlang. Es ist da auch ein Blumenladen, den eine Dame besitzt, die am Tage immer mit schönen frauenhaften Bewegungen frische Blumen dort ausstellt, geschmackvoll in Vasen und Körben geordnet, und die ein Band oder ein Buch in die Nähe der Blumen legt und an den grauen Wandschirm, der im Hintergrund des Schaufensters steht, ein Bild hinhängt, das einer beliebten Tänzerin, oder einen alten Kupferstich, darstellend eine längst verstorbene Prinzessin.

Hier erhole ich mich etwas von meinem Leid. Vielleicht leiden abgeschnittene Blumen ebensoviel wie eingesperrte Vögel. Aber sie sind nicht Fleisch und Blut, und deshalb leide ich bei ihnen ebenso wenig, als ich mit meinen Haaren leide, wenn ich sie schneiden lasse.

Wie gerne möchte ich einer Einbrecherbande angehören, dachte ich neulich. Die müßte aber nicht einbrechen des Diebstahls wegen, sondern der Ordnung wegen. Dann würde ich nachts die Tür der Vogelhandlung aufbrechen und mit meinen Spießgesellen alle Käfige herausholen. Fliegen würde ich die Vögel nicht lassen. Sie würden sonst verhungern und erfrieren. Ich würde aber die Tür auch des Blumenladens aufbrechen, und dort in der lauwarmen Luft wollte ich alle Futternäpfe der Vögel zwischen die Schalen der Anemonenvasen stellen, zwischen die Körbe voll Hyazinthen, zwischen die dicken Efeukränze und um den hohen Krug, darin die Weidenruten voll Silberkätzchen stecken. Und über den Töpfen der Mimosen bei den gespenstig geformten Figuren der Orchideenblüten und bei den geisterhaft weißen Bechern der Callablüten, dort würde ich die fliegenden Bewohner von Afrika, Australien und Asien es sich wohl sein lassen.

Einige Häuser weiter von dieser Blumenhandlung ist, ehe ich zu meiner Haustüre komme, noch solch ein exotischer Sklavenmarkt. Dort sitzen im Schaufenster neben kleinen Affen und Papageien in winzigen Käfigen weiße Mäuse und in Gläsern Laubfrösche.

Kein Schaufenster von ganz Berlin ist am Tage so von Leuten aller Stände besucht wie dieses, an dem ich immer vorüber muß, wenn ich aus dem Hause trete. Dort habe ich Bekanntschaft gemacht mit einem Mammosettäffchen. Ich habe keine Ahnung, warum das Tier Mammosett heißt. Aber der Name steht auf einem Zettel am Käfig. Und ich denke immer, der Name müßte von Mimose kommen, da das Tier von mimosenhafter Empfindsamkeit ist. »Wird sehr zahm« steht auch daneben. Das glaube ich gern. Gewöhnlich, wenn die Tiere sehr zahm geworden sind, sterben sie weg, wie jenes Pferd, von dem der Bauer behauptete, daß es von der Luft allein leben könnte, und das starb, als es sich eben ans Hungern gewöhnt hatte.

Mammosett erschien um die Weihnachtszeit im Schaufenster. Trotzdem es in diesen Tagen Lawinen schneite, blieben alle Leute stehen, um Mammosett zu betrachten. Das winzige, nur handgroße Äffchen ist »das kleinste Äffchen der Welt«, — das steht auch auf dem Zettel am Käfig. Aber ich finde, trotzdem hätte man Mammosett nicht in einen Kanarienvogelkäfig sperren dürfen. Denn auch seine Winzigkeit verlangt Bewegung und Freiheit. In den ersten Tagen sprang das Tierchen wie irrsinnig in seinem Käfig herum, ähnlich den weißen Tanzmäusen in den Nebenkäfigen, die Tag und Nacht um eine Spule rennen. Die kamen mir immer vor wie kleine tanzende Derwische, die heftig rund herum rennen, damit sie eines Tages tot umfallen und so aus der Gefangenschaft des Lebens befreit sind.

Ich erkundigte mich in der Tierhandlung, was Mammosett kostet. Aber ich hörte am selben Tag von einer Dame, daß diese Äffchen, wenn sie zahm werden, alles zerreißen, was ihnen unter die Finger kommt. Seit ich das weiß, möchte ich auch hier beim Mammosettäffchen Einbrecher werden und Mammosett befreien. Und ich hab mir schon eine Geschichte ausgedacht, wie dieses Mammosettäffchen, frei gelassen, alle seine Mitgefangenen, die Papageien, die Mäuse und die Laubfrösche, und zuletzt den Tierhändler selbst in kleine Stückchen zerreißen würde. Vom Tierhändler müßte das Äffchen jeden Tag nur ein Stückchen abreißen, einmal ein Ohrläppchen, einmal einen Nasenflügel, einmal einen Haarschopf, bis der Tierhändler daläge wie ein zerstückelter Brief im Papierkorb.

Jetzt, nach zwei Monaten, ist das Äffchen in seinem Käfig ruhiger geworden, »zahm« würde der Tierhändler sagen. Ich sage »todesmatt«. Es kauert in einem Häufchen Holzwolle und knabbert manchmal an einem Kuchenstück und zittert den ganzen Tag.