Wenn ich spät nach Mitternacht in der Potsdamerstraße nach Hause ging, eilte ich mich meistens nicht sehr, denn die Nachtluft kam mir erfrischend entgegen. Sie war wie ein Wanderer, der aus Grenzwäldern über Flüsse und Seen herkam und über Berlin hinschritt. Und während ich von einer Laterne zur andern ging, war die Nachtluft schon über die Provinz Brandenburg fortgezogen an die Elbe, an den Rhein, und im Vorübergehen hatte sie mich leicht verhext und hatte mir Meilengedanken gegeben, so daß ich darnach nicht mehr zwischen Laternen weiter ging, sondern fort über mich selbst.
Auf einer Plakatsäule sah ich in einer Nacht einen großen Tigerkopf. Darunter stand »Indien in Berlin«. Der gefleckte Tigerkopf sah aus gelbem Bambusröhricht heraus und war ein praller Katzenkopf; über ihm lag ein bleichblau gemalter Himmel.
Eine Weile schien mir dann, als ginge ich durch indische Dschungeln, indessen ich doch nur auf dem Streifen breiter Pflasterplatten wandelte, die sich als eine lange Zeile in der Mitte des Bürgersteiges hinzogen.
Die vielen offenen und dunkeln Schaufensterscheiben glitzerten neben mir wie mondbeschienene Gewässer auf, ähnlich den heimlichen Tränkestätten von Raubtieren, die unhörbar durch die Dschungeln schleichen. Eine Autohuppe brüllte manchmal in einer Nebengasse. Dieser Laut wurde mir fast zu Löwengeheul. Und schleifte der Gummireifen eines vorbeisausenden Autos mit surrendem Laut über den glatten Asphalt des Fahrdammes, dann waren da in der Vorstellung galoppierende Dickhäuter, pfauchende Nashornherden und aufgescheuchte Scharen von Nachtvögeln, die vorbeifegten.
Ich blieb an einem Schaufenster stehen. Das kannte ich gut. Dort stand ich immer eine Weile in jeder Nacht und nahm mir vor dem Schlafengehen Zeit, die lebende gefiederte Ware einer Vogelhandlung zu bedauern.
Da waren chinesische Nachtigallen in Drahtkäfigen mit roten Schnäbeln und grüngelber Brust. Und smaragdgrüne Sittiche aus Australien und afrikanische Finken, silbergrau wie deutsche Schwalben und mit korallenroten Schnäbeln. In einem Käfig allein saß eine deutsche schwarze Amsel, und ein anderer Käfig war voll mit zitronengelben Kanarienvögeln. Da waren auch Käfige mit Turteltauben, deren Federleib war silbrig und weiß wie Holzasche.
Alle diese Vögel saßen in ihren Drahtzellen wie bestrafte Verbrecher. Die meisten von ihnen waren zwar im Käfig geboren, aber ich mußte nachgrübeln, was wohl ihre Vorfahren in China, Afrika, Australien begangen haben mochten, daß ihre Kindeskinder hier, verbannt und gefangen, im Schaufenster der Potsdamerstraße ihre Lebenstage verbringen mußten.
Das elektrische Licht der nächsten Straßenlaterne sah schrecklich grell durch die glänzenden Drahtstäbe der Gitter auf die dünnen geschlossenen Augenhäute der kleinen unruhigen Schläfer. Das scharfe unnatürliche Licht mußte noch den Schlaf der Gefangenen schmerzhaft machen. Und die brüllenden Autohuppen, deren Fahrzeuge mit Gedröhn während der ganzen Nacht die große Stadt durchrasten, mußten die feinen musikalischen Ohren der Singvögel noch im Schlaf quälen.
Vögel, die gewöhnt sind, in lauschigen Buschverstecken in der Urstille ewiger Wälder zu nisten, zu picken, zu flattern und die grünen Dämmerungen der Blättergehäuse alter Bäume zu durchfliegen, hatten hier einen kaum fußbreiten Raum zwischen den blitzenden Metallgittern. Aber sie schienen sich sanft und gütig zu bescheiden und schienen mir weiser zu sein als ihre gefangenen Wärter.