Wenn Oda dieses lesen würde, würde sie finden, daß ich alles das, was ich von ihr schreibe, über mich selbst schreibe. Denn sie glaubt sich klar zu sehen wie eine Photographie. Das mag sein, ich gebe ihr recht. Ich beschreibe nicht Odas Augenbild, sondern ihr Wirkungsbild.

Ich habe noch niemals Frauen sehen, sondern stets nur fühlen können. Ich fühle sie mit den Augen, fühle sie mit den Ohren, fühle sie mit dem Blut.

Liebe Oda, da du dich also nicht fühlen kannst, wie das Feuer sich nicht als heiß und hell fühlt, das Wasser sich nicht selbst als naß und weich fühlt, — so mußt auch du, wenn du dieses einmal über dich lesen wirst, mir glauben, wie du von mir gefühlt wirst.

Du möchtest Schauspielerin werden, und ich zittere für dich, daß du Wege gehen mußt, die dich weglos wie einen Kometen in eine Irrwelt werfen können.

Aber du willst, und alle wollen mit dir, was du willst. Und wenn ich das bedenke, müßte ich eigentlich nicht mehr für dich zittern, denn deine Wege können höchstens Umwege, aber keine Abwege werden, wie ich dich kenne. Wenn du nur immer weißt, daß du willst.

Du kommst und setzt dich, wenn alle Damen in deiner Mutter Teestunde schon, eifrig plaudernd, das Zimmer unruhig wie ein auf- und abwankendes Fahrzeug machen. Du setzt dich mit deiner sechzehnjährigen Mädchenruhe in einen leeren Diwanwinkel und hast deine Glieder, wie nackt ohne Kleid, ohne Bewußtheit, mitgebracht und hast nicht deinen Körper vergessen, wie viele der viel zuviel gekleideten Damen es tun.

Dein Mund redete noch nicht, auch deine Glieder reden noch nichts. Du fühlst auch noch nichts. Und du bist da in deiner Dunkelheit vor mir, von deiner Mutter mit Sorgfalt in einfache zarte Kittel aus Seide gekleidet. Neulich war es grüne, herbgrüne Seide, deren Grün nichts gemein hatte mit Pflanzen oder Metallen oder Tierfarben. Es war ein fernweltliches Grün, weil aus dir ein Erlebnis strahlte. Du kamst aus einer Welt her, wo eine grüne Sonne geschienen hatte, und davon warst du noch feierlich zartglänzend und lieblich leuchtend.

Du sitzt auffällig in deiner Unauffälligkeit vor mir, und ich höre alles, was du nicht redest, lauter als rundum die glänzenden Reden der Sprechenden. Dein Herz aber ist flüssig, wenn es so, nichts sprechend, mit uns allen und mit niemandem spricht. Während uns die Teetassen in den Fingern zittern und der Witz der Nachbarn uns benachrichtigen will von Geschehnissen, die uns anfallen, bald kalt, bald glitzernd von Neugier, Eitelkeit und geistreicher Gewandtheit, bist du, Oda, verschwunden und wieder erschienen. Es rief dich irgend ein göttlich zweckloser Zweck.

Neulich, als ich zum ersten Mal seit Jahren wieder zu euch zu Besuch kam, war es der kleine zahme Kanarienvogel, den du in der Hand brachtest und mir auf den Ärmel setztest; und du lachtest, als ich verwundert aufschaute.

Warum brachtest du nicht alle Kanarienvögel der Stadt, damit ich dich hätte tausendmal lachen hören können! Ich sah den zahmen kleinen Vogel kaum, ich fühlte nur mein Herz schmerzen, weil du nur so kurz gelacht hattest, und weil, wenn du laut wirst wie die andern, ich dann unendlich viel Wirklichkeit von dir erleben möchte, von deinem unwirklichen und noch weltfernen Dasein.