Bei meinem zweiten Besuch fand ich dich, ein Tabakhäufchen zwischen zwei Fingern zu einer kleinen Kugel drehend, am Schreibtisch deines Vaters, und du stopftest eine kleine japanische Silberpfeife, die du dann rauchtest. Und du lachtest wieder kurz auf, als ich aus dem Nebenzimmer von den andern fortgegangen war, von Tee und Musik, und dich fand. Wie ein Eichhorn in einem Waldbusch versteckt, so kauertest du auf der Ottomane unter dem blauen Nebel des Tabakrauches und ließest dich nicht stören. Du lachtest einmal nur dieses kurze, gestoßene Lachen, und wieder schmerzte durch einen kleinen Ruck mein großes altes Herz, weil du einmal und nicht tausendmal lachen konntest. Weil die Lust so kurz ist, die du anschlägst und auslöschst.

Warum schmerzte aber mein Herz nicht, als du ein andermal am gleichen Schreibtisch, ans Telephon gerufen, mit einem jungen Kameraden lachtest? Er wollte dich mit andern jungen Damen abholen und zum Eisplatz zum Schlittschuhlaufen begleiten. Hinter dir aber stand dein Vater wie ein lang gen die Zimmerdecke gezeichneter Schatten und lächelte und war neckisch und sagte dir, da du um eine Antwort am Telephon verlegen warst, daß du absagen müßtest. Der Bursche am Telephon sei fad und nicht klug genug für dich. Du lachtest kurz auf, aber ich fühlte nichts bei diesem Lachen, diesmal nicht den Seufzer, nicht den zitternden Wunsch, dich noch mehr lachen zu hören.

Und wieder an einem andern Sonntag, zu einer andern Nachmittagsteestunde, als ein Freund eures Hauses, ein beweglicher, nicht alter, nicht junger Mann, vor dir hockte und vom Theater plauderte und du in einem Sessel, an die hohe Lehne zurückgedrückt, vor dem Sprecher saßest, da zitterte Schrecken in mir. Denn der Erzähler war ein gewandter Frauenverführer, und er war geistreich, weltlustig und zielte mit seinen Augen auf dich wie ein geübter Revolverschütze auf eine Scheibe. Und wie eine Zielscheibe flach lehntest du, in den Sessel tief zurückgedrückt, an der Sessellehne, und diese deine Stellung war jenem Mann Triumph genug. Und gleich wandte er sich an deine Mutter und machte den Vorschlag, dich mit ihm die Probe eines neuen Stückes besuchen zu lassen, der er beiwohnen wollte.

Und ich sah seinen vorgebeugten, glattrasierten Kopf, der wie ein Straußenei unterm Kronleuchter glänzte, und sah, wie er mit Eifer deine Mutter davon überzeugte, daß diese Theaterprobe dir nützen würde für deine Theaterkenntnis, die du dir aneignen möchtest.

Und es wurde verabredet, daß du an einem der nächsten Morgen um 11 Uhr in seine Loge kommen solltest, um die Probe zu sehen. Er hob den Zeigefinger und sagte:

»Aber es darf kein Geräusch gemacht werden, denn die Regie ist streng, und es darf eigentlich niemand wissen, daß wir zur Probe kommen. Aber im dunkeln Theaterraum und in der finsteren Loge wird niemand uns finden, wenn wir ganz leise sind.«

Ich sah dich bereits im Geist lautlos in jener dunkeln Loge und fühlte, wie du neben deinem Verführer im Dunkeln kaum zu atmen wagtest aus Lust am Theater, wie jener aber kaum zu atmen wagte aus Lust an dir.

Es waren drei Tage bis zu jenem Tage der Verabredung, die du, Oda, mit dem andern hattest. Und in jeder Nacht von diesen beiden Nächten, die zwischen den drei Tagen lagen, wachte ich auf und horchte. Ich hörte zuerst nur ferne Automobile durch die todstillen Straßen surren. Ich fühlte aber dann, wie sich die Häuser auflösten und wie sie ihre Mauern und ihre Steine nach mir warfen. Die ganze große Stadt steinigte meine Brust. Ich stöhnte, und morgens erwachte ich wie zerschlagen. Und mitten am Tage in meiner Arbeit wollte ich ans Telephon gehen. Es war mir, als müßte ich deine Mutter rufen und weiter nichts zu ihr sagen als: »Hilfe, Hilfe!« wie einer, der ein Unglück sieht und ratlos ist.

Zufällig hörte ich dann später von deiner Mutter, du würdest doch nicht zu jener Theaterprobe gehen. Aber ich glaubte es nicht. Warum glaubte ich es nicht? Warum atmete ich nicht auf? Ich glaubte es nicht, weil du ja doch deine Umwege oder Irrwege gehen mußt, wie wir alle sie gingen, denn keine andern führen ins Leben.