Als ich nach Wochen wieder einmal zu deinem Vater kam, nötigte er mich, zum Mittagessen zu bleiben. Ganz flüchtig sollte der Besuch sein, denn wir hatten nur geschäftlich zu sprechen.

Du warst mit deiner Mutter in der Stadt, und ihr machtet an diesem Tage andere Besuche und wart nicht zum Essen zu Hause.

Dein kleiner Bruder Nickel, der flinke und geweckte Junge, sprang mit seinem graublonden Lockenkopf mitten beim Essen vom Tisch auf und holte plötzlich den kleinen Kanarienvogel aus dem Bauer und setzte ihn auf das Tischtuch. Dort spazierte das hellgelbe Vögelchen zwischen dem weißen Porzellan und den Kristallgläsern und um das Silbergeräte und pickte und lugte mich mit einem Auge an.

Der kleine Kanarienvogel war erbärmlich anzusehen. Ein Beinchen war ihm gebrochen, das schleifte er nach sich. Aber der Bruch war schon geheilt und schmerzte ihn nicht mehr. Doch sein Köpfchen war ganz kahl. Er hatte alle Federn am Kopf verloren, und man sah, was man sonst nie sehen konnte, die großen Ohrlöcher des Vogels zu beiden Seiten des Köpfchens. Sie waren im nackten Schädel wie Löcher, durch die eine Kugel gegangen war.

Wieviel hat dieser Vogel gefühlt mit diesen Ohrlöchern? Wieviel Weh- und Wohllaute zogen durch den kleinen Schädel in das Herz ein?

Er hat Oda lachen und weinen gehört. Er hat Oda tanzen gehört und auch gehört, wie sie aufstampfte im Zorn. Er hat Oda besungen, wenn er andächtig wurde.

So gerupft gehen wir alle aus der Lebensandacht hervor, dachte ich bei mir. Früher oder später zieht das Herz einen geknickten Fuß nach. Oder man verliert die Locken des Mutes.

Nach dem Essen, als ich noch einen Augenblick in deines Vaters Schreibzimmer im Ledersessel saß, las und rauchte und auf deinen Vater wartete, der sich zum Ausgehen umzog, da tönte des gerupften blankschädligen Vögeleins Singstimme aus dem Nebenzimmer.

O, er sang, als wäre er gerührt über sich selbst. Er sang so schmelzend und zärtlich, als hätte dein Bruder Nickel einen Spiegel geholt und der Kanarienvogel hätte sein verunglücktes Bild im Glase gesehen. Und er sang, um den trauernden gerupften Vogel im Spiegel zu trösten, sein lebenssüßestes Lied. Denn er erkannte sich selbst nicht und glaubte für einen Fremden zu singen.