Der Heide, der alte Kapitän, erzählte sie mir endlich notgezwungen nach ein paar Tagen. Ich traf ihn zufällig wieder, bei einem Besuch in einer Hütte, wo man seit ein paar Wochen einen plötzlich tobsüchtig gewordenen jungen Mann eingesperrt hielt. Die Leute sagten, der junge Mann hätte beim Fischen auf offener See einen Sonnenstich bekommen, und einige Männer, die nicht mit dem Makrelenboot auf den Nordseefang hinausgezogen waren, mußten abwechselnd bei dem Tobsüchtigen Wache halten, denn die Gemeinde hatte sich noch nicht entscheiden können, diesen als wahnsinnig in ein Spital einer der Städte an der Küste abzuliefern. Ich hatte bis jetzt noch nichts von dem geheimgehaltenen Wahnsinnigen der Insel gewußt und fand auf einem Spaziergang durch Zufall die Hütte, im Innern der Insel, wo der Tobsüchtige von seiner Wache von vier Männern, die sich täglich ablösten, festgehalten wurde.
Dort fand ich auch unter den Wachthabenden den alten Kapitän, der mir das Giftfläschchen gegeben hatte.
Er war besonders dort begehrt, da er, wie die Leute sagten, »feste Handschuhe anhabe«, womit sie seine straffen Fäuste meinten. Nach dem zufälligen Zusammentreffen am Makrelenbootstag mit dem Kapitän, hatte ich diesen täglich in seiner Hütte aufgesucht und ihn niemals daheim getroffen. Jetzt nahm ich ihn zur Seite und bestand darauf, daß er mir die genaue Herkunft des Giftfläschchens berichten sollte.
Da hörte ich endlich nach vielem unverständlichem Geknurre: wohl habe er die Flasche »gefunden«; aber das war schon ungefähr dreißig Jahre her. Er fand sie in der Kapitänskabine eines Dampfers, den er sich gekauft hatte, und der ihm dann gestrandet war. In einem Geheimfach des Schiffsbücherschrankes stand dies Fläschchen in Papier eingewickelt, und der Alte behauptete, er habe bis heute keinen Tropfen daraus vergossen. Ich glaubte es ihm.
Wir hockten einander gegenüber auf zwei Steinen im Heidekraut. In der Nähe bei uns rannte eine schwarze angepflockte Ziege, schwarz wie des Teufels Großmutter, meckernd hin und her. Und obwohl es schon gegen Abend war, wo sich die Kühle des Meeres mit der Granitwärme der Steine vermengt, wischte sich der alte Kapitän, während er mir erzählte, doch fortgesetzt die blaurote Stirn ab, auf welcher ihm ein steter Angstschweiß zu perlen schien.
Ich hatte in den paar Tagen vorher niemals richtig den Entschluß fassen können, das Fläschchen ins Meer zu schleudern oder an einem Steine zu zerschellen oder es zu öffnen und den Inhalt auszuschütten. Hundert Gründe spukten in meinem Hirn und sprachen dafür und dagegen, das Fläschchen los zu werden. Welches Unglück konnte es anrichten, wenn das Fläschchen, das fest verkittet war, im Meer weiterschwamm und von einem Fischernetz oder einem Hummerkasten aufgefischt wurde!
Oder wenn sein Inhalt, wenn ich es zerschellte, herumspritzte und vielleicht auf eine Erdbeere, eine Wacholderbeere oder irgend ein Teekraut fiel, welches Kinder sammelten. Ins Feuer werfen! Wer weiß ob das Fläschchen verbrannte und nicht in der Asche gefunden wurde. Irgendwo vergraben! Auch das war recht unzuverlässig. Ich durfte es nicht einmal mehr in meinem Zimmer stehen lassen, nicht in meinem Koffer. Seit ich dieses Giftfläschchen in die Hand bekommen hatte, lebte ich nicht mehr mein eigenes Leben. Ich lebte so wie die Wache, die einen Tobsüchtigen bewacht und ihre Aufmerksamkeit zersplittern muß zwischen Verstand und Irrsinn. Ich war nicht mehr harmloser Beobachter des Lebens. Ich trug mit dem Giftfläschchen wie ein Zauberer geheimnisvolle Kräfte der schwarzen Magie in der Tasche, ich erschien mir über alle menschlichen Begriffe einer dämonischen Kraft, einer Willkür, preisgegeben. Mit einem Wort, — ich war nicht mehr ich. Ich war der Sklave dieses Giftfläschchens geworden. Ich schrie nachts im Traum auf, träumte vom Vergiften und Morden; und so wie der Kapitän jetzt, hatte ich mir in den letzten drei Tagen, seit ich das Gift besaß, hundertmal den Angstschweiß von der Stirn wischen müssen.
»Dreißig Jahre,« hatte der Kapitän erzählt, »habe ich das Fläschchen mit mir getragen und habe es nicht los werden können. Jahrelang habe ich eine Lust gehabt, es zu behalten, jahrelang eine Lust, es zu vernichten. Mein ganzes Leben ist von diesem Fläschchen gelenkt worden. Bald fühlte ich mich übermütig allmächtig durch den Giftbesitz, bald unheimlich verfolgt. Die Leute nennen mich, seitdem ich das Gift besitze, den ›Heiden‹.«
Ich begriff den alten Mann. Ich war in den drei Tagen, in denen ich das Gift besaß, mir selbst fremd geworden. Aber ich hätte das Fläschchen um keinen Preis hergegeben, wenn man es von mir gefordert hätte. Und als der Alte sagte: »Was haben Sie mit dem Giftfläschchen getan?« log ich mitten im Sonnenschein, zwischen den gütig kauenden Kühen, umgeben vom himmelblauen Meer, log ich mich aus dem Paradies hinaus. »Ich habe es fortgeworfen,« sagte ich, damit es der Alte nicht zurückfordern konnte. —