Was wollte ich mit dem Fläschchen tun? Ich wollte es doch los sein! Warum gab ich es ihm nicht? Warum warf ich es ihm nicht vor die Füße? Ich fühlte, wie mich das viereckige Fläschchen in meinem weißen Flanellsommeranzug unbequem drückte, und ich fuhr seitdem ängstlich, oft mitten in den ruhigsten Stunden, plötzlich mit der Hand nach meiner Westentasche. Ich wich dem Kapitän von diesem Tage an aus, damit er nicht nach dem Fläschchen fragen sollte. —

Mitten in dem herrlichen Gesicht dieses Sommers 1910, mitten in dem herrlichen Gesicht dieser Insel am Ende der Welt, die nie eine Schuld, nie ein Verbrechen, nie eine Niedertracht kannte, trug ich nun diesen Ekelfleck mit mir in der Westentasche herum, diesen Giftfund, dieses Giftfläschchen. Täglich wünschte ich das Gift zu behalten und täglich, es los zu werden. —

Ein nordischer Sommer ist schnell verflogen, ist schnell abgekühlt. Schon ein paar Wochen nach Johanni, wenn die Nächte wieder die Dunkelheit wie eine schwarze Maske über das Land legen und die paar Wiesenflecken abgemäht sind, die es da gibt, und die paar Kornstrecken, und Ende Juli schon der Stillstand eines frühen Herbstes die Bäume aussehen läßt, als wären sie aus verblichenem grünem Papier angefertigt, dann werden all die Kühe in die Ställe zu den Hütten heimgetrieben, und eine Totenstille, Langweile und Leere sitzt bald an Stelle des Saftes und der Frische im Steingesicht dieser Insel. Die kleinen Hütten ertrinken abends im Nebel. An Stelle der Kühe laufen weiße Möwenscharen auf den abgemähten Wiesen herum, Wiesen, die nur jährlich einmal Gras geben, dann nicht mehr wachsen und sich mit den weißen Möwen bedecken, die des Morgens vor Sonnenaufgang anzusehen sind wie der Vorschein frühen Schnees.

Oft habe ich des Morgens vor Sonnenaufgang, da ich Bayer bin und in dem katholischen Lande an Morgenläuten, Mittag- und Abendläuten gewöhnt bin, hinausgehorcht. Aber nichts rührte sich. Es gab auf der Insel keine Kirche, keine einzige Glocke, und die Leute fuhren ihre Kinder zur Taufe mit Kähnen auf andere Inseln. Ebenso mußten die Brautpaare und die Leichen oft tagelang auf guten Segelwind warten, um zur Hochzeit oder ins Grab auf die ferne Kircheninsel zu kommen.

Die Insel Koster selbst lag glockenlos in der großen blauen Glocke des Himmels, und der »Heide«, der alte Kapitän, hatte recht, wenn er einmal in der Handelsbude, in dem einzigen Kaufladen, den es auf der Insel gibt, dröhnend auf den Tisch schlug und ausrief:

»Was brauchen wir hier Christentum, wir auf Koster! In alter Zeit waren wir Heiden und Helden. Und jetzt ist uns das Heldentum verboten. Aber Heiden sind wir immer noch im Grunde. Wir zahlen unsere Steuern, und die Sonne scheint nicht schöner, ob wir Christen sind oder Heiden. Und die Makrelen und die Heringe lassen sich so gut fangen von den Heiden, wie von den Christen.«

Und das stämmige Königsgeschlecht von Koster lächelt gutmütig über seinen Stammheiden, über den Kapitän.

Der Sommer war hier früher zu Ende, als man sich in Deutschland vorstellen kann. Und in den ersten Tagen des August sahen die Frau, die ich liebe, und der ich noch nichts von dem Giftfläschchen in meiner Westentasche erzählt hatte, und ich, wir beide sahen mit Frösteln das schnelle Müdewerden der nordischen Sommersonne. Und eine unbändige Sehnsucht nach neuer Sonne wachte jeden Morgen mit uns auf und war jeden Abend unser letztes Gespräch.

Frauen, die sich sehr geliebt fühlen, fassen immer resoluteste Entschlüsse. So sagte diese Frau eines Tages: