In der Nähe des Straßentores glaubte ein Wärter Todors Gesicht hinter einem Busch zu sehen. Als man von neuem suchte, fand man ein Leinwandpäckchen voll Silbermünzen neben der Tür des Portierhauses hingelegt.

Todor war, als er Esthe entschlossen sah, nicht abzureisen, von des Mädchens kühnen Nachtgedanken gleichfalls kühn gemacht worden. Er hatte Esthes Fahrrad vorsichtig durch das Parkgitter geschoben, hatte es in der Stadt zu einem indischen Bekannten gefahren und es diesem verkauft, und war gleich mit dem Gelde zurückgekommen um Esthe die Silbermünzen einzuhändigen, damit sie immer in Kalkutta bleiben könne. Denn das junge Mädchen hatte in der Abschiedsstimmung an den letzten Nachmittagen öfters wiederholt, wenn sie sich Geld verschaffen könnte, würde sie in Indien bleiben. Sie wollte gern alle ihre Kleider und sogar ihr geliebtes Fahrrad verkaufen, wenn sie nur wüßte, an wen. Als Todor mit dem Geld in der Hand zurückkam, bemerkte er von weitem den Laternenzug und den Wärterhaufen, der Esthe in einen Wagen trug. Todor legte das Geld rasch an die Portierloge und verschwand aus dem Garten.

Esthe ist am nächsten Morgen mit ihrem Vater nach England gereist, und jedermann im zoologischen Garten weiß jetzt, daß Todor sich am Huklayfluß auf einem Frachtschiff heuern ließ, um Esthe in England zu suchen.

Der Kuli Kimgun

Kimgun war ein armer Burmese, so arm wie der Staub auf der Landstraße. Er wohnte in einem der kleinen sandigen Dörfer am Irawaddystrom zwischen Mandalay und Prome. Seine Arbeit war, auf die hohen Dorfpalmen zu klettern, die wie Mastbäume am Strand aufragen, und oben in die Blattsprossen der Palmen ein paar Kerbschnitte zu ritzen und kleine Blechgefäße darunter zu hängen, daß der Palmsaft in die Töpfe sickerte. Dort oben auf der langen schaukelnden Palme saß er wie ein nackter Menschenaffe und sah von unten gegen den blendenden Himmel aus, als wäre er aus schwarzem Papier ausgeschnitten und könnte von einem vorüberziehenden Flußreiher fortgeweht werden. Von seinen Palmen sah er schon von weitem die englischen Verdeckdampfer, die zweistöckigen, die wie Riesenschildkröten den Fluß hinauf und hinab schwammen. Wenn ein Dampfer kam, glitt Kimgun von seinem Palmenschaft herunter, bis der Landungssteg ausgelegt wurde und er mit den andern Kulis Säcke voll Reis, Körbe voll Paranüsse und Pakete von Sandelholz verladen half. Mit einem Dutzend armer Kuliteufel rannte er Ufer auf und Ufer ab, gelenkig wie eine zappelnde Marionette. Nach ein paar Stunden, wenn das Ufer wieder leer lag, der Fluß einförmig und warm vorbeispülte, die braunen Dorfkinder badeten und nichts zu verdienen war, kletterte Kimgun wieder auf seine Dorfpalmen und wechselte vorsichtig die Blechgefäße, die vollen und die leeren. Wie eine Lehmmasse lag der breite Irawaddystrom unter der Sonnenkugel. Ein paar schneeweiße Pagodenspitzen glänzten wie Zelte aus den Waldhügeln. Grün, lehmgelb und sonnenweiß war rings die Welt unter Kimguns Augen, in der sich Sommer und Winter nicht unterschieden, und die sich nur veränderte, wenn der schwarze Dampferrauch mit ungeheuren, dunkeln Wolken die Landschaft verwehte.

Einmal kam die Kunde in das entlegene Flußdorf, daß in der Hauptstadt Rangoon die heilige Glocke der Shwe Dagon-Pagode in das Meer gestürzt sei. Man hatte die berühmte, die größte Glocke der Welt von der Plattform der Pagode herab nach England schleppen wollen. Bei der Verladung auf das Schiff brachen die Gerüste, und die Glocke versank in das Wasser. Dort lag sie jetzt auf dem Grund und trotzte aller Bemühungen, sie zu heben. Die Engländer gaben endlich die erfolglosen Bergungsversuche auf. Jetzt hatten sich die burmesischen Flußschiffer zusammengetan und wollten die Glocke auf alle Fälle retten. Die Engländer versprachen ihnen, daß die Glocke im Lande bleiben dürfe, wenn sie dieselbe vom Meeresgrund heraufholen könnten. Als Kimgun von der Ehrenarbeit der Flußschiffer hörte, machte er sich auf, um bei dieser heiligen Arbeit mitzuhelfen.

Viele Tage marschierte Kimgun, übernachtete in den Waldklöstern, und wenn er am Abend kein Kloster fand, kletterte er auf eine Palme, wo er die ganze Nacht still und regungslos in der Krone hing, so daß die Aras und Kakadus ihn für ein totes braunes Palmblatt hielten und über ihn fortkletterten und neben ihm schliefen.

Je näher er nach Rangoon kam, desto fremder wurde sich Kimgun, weil die Wälder und Bergformen und die Flußbreite sich ungeheuer vergrößert hatten, und auch die Tropensonne war hier heftiger und hitziger, und er sah graublaue und rostbraune und honiggelbe Palmenhaufen, die er noch nicht kannte. Eines Tages wurde das Strombett, daran er entlang wanderte, so breit, daß er glaubte, es gäbe nur noch Wasser auf der Welt und bald keinen Wald mehr. Aber das alleraufregendste, was er draußen vor Rangoon sah, ehe er zur Hauptstadt kam, war die mächtige, goldene Shwe Dagon-Pagode, die auf einem Hügel unterm Himmel lag, mit einem goldenen Stiel in der Luft, als wäre die Sonne wie eine goldene Riesenbirne auf die Erde gefallen. Viele goldene Gassen, goldene Glocken und viele goldene geschweifte Dächer und goldene gedrehte Türme und künstliche goldene gedrehte Bäume waren auf dem Hügel im Kreis um die große Pagode beieinander.

Als Kimgun in all dem Golde stand, glaubte er, er sei bereits gestorben und zum Nirwana in Buddhas goldenen Schlaf eingegangen. – Kimgun blieb drei Tage und drei Nächte auf dem Hügel in den goldenen Gassen, bei den goldenen Lauben und konnte sich von den goldenen Altären voll unzähliger Wachslichter nicht trennen, so wenig wie von seinem Schatten. Er aß mit den Tempelhunden das, was die Mönche von ihren Mahlzeiten fortwarfen, und legte seine letzten Kupfermünzen in die Opferstöcke vor den goldenen Götterbildern. Kimgun dachte, er brauche nie mehr Geld beim Anblick von soviel Gold, und seine Armut und seine Person schienen vor all dem Gold wie verschwunden. All das Gold gehört mir Armem, so gut wie dem Reichsten, wenn ich es betrachte, sagte er sich. Mehr als sich an soviel Gold weiden kann auch der goldreichste Mann in Birma nicht; und Kimgun vergaß drei Tage lang bei dem hinreißenden Goldglanz den Zweck seiner Wanderung. Er ging zwischen den goldenen Gassen wie betrunken und schlief, aß und trank bei allen hundert goldenen Göttern, und seine Ohren lauschten wollüstig den klingelnden Juwelen und Goldblechblättern, die wie künstliche Schlingpflanzen an den Pagodendächern und an den goldenen Speeren der Giebel hängen und im Luftzug beständig musizieren. Das reiche Räucherwerk aus den tausend goldenen Altargehäusen erschien Kimgun wie der süße Atem des goldenen Metalles. Wie ein Goldhaufen, den die Pagode täglich anzieht, sah Kimgun in den drei Tagen die Sonne zum Pagodenhügel kommen, als ob sie Tag um Tag Gold haufenweise auf die Dächer dort herbeischleppte und täglich neues Gold des Himmels dort ablüde. Und nun begriff der arme Kuli erst, warum die Sonne geschaffen war. Sie mußte wie ein Kuli der Pagode dienen. Sowie Kimgun Reissäcke und Sandelholzhaufen auf die Dampfer am Irawaddystrom auflud, so mußte die Sonne die Pagode mit Gold befrachten, und die Sonne war viel ärmer an Gold als die große goldene Pagode.

Kimgun wünschte von Herzen, daß er nur ein Truthahn, eine Ziege oder ein wilder Tempelhund sein dürfte, die sich zu Dutzenden in den goldenen Gassen herumtrieben, ihr sattes Leben hatten zwischen den heiligen Buddhabildern, unter den erzenen Glockenreihen und vor den Glasschränken voll goldener Holzschnitzwerke, und selbst ihre Notdurft an goldenen Säulenschäften verrichten durften. Kimgun wagte nicht die in senfgelbe Mäntel gekleideten heiligen, kahlköpfigen Mönche anzureden, auch nicht die kleinen birmanischen Fräuleins in weißseidenen Jacken und schmalen rotbraunen Röcken, die als Verkäuferinnen hinter Blumentischen standen. Nicht einmal mit den leprakranken Bettlern, die auf den Treppenabsätzen der roten Säulenstiege saßen, und die weiß von Aussatz waren, als wären sie mit Mehl bestreut, nicht mit den Niedrigsten hier in dem goldenen Heiligtum wagte Kimgun sich zu vergleichen.