Seufzend ging Kimgun am dritten Tage von der Tempelanhöhe die rote Stiege hinab und unten durch die Gartenwege nach der Stadt Rangoon, wo überall die rosarote Akazie zierlich blühte. Er fand sich durch die breiten Geschäftsstraßen der englischen Bazarhäuser kaum vorwärts, bis er im Hafen zufällig einen Mann aus seinem Orte traf, der ihm die Flußschiffer zeigte, die bereits vor zwei Tagen die große Glocke aus dem Wasser an das Land gebracht hatten. Kimgun war stolz, daß die Glocke von den Burmesen und nicht von den fremden Engländern gerettet worden war, und er vergaß in seiner Freude, daß er nicht mitgeholfen hatte. Sein Wunsch, mitzuhelfen, war aber so groß gewesen, daß er sich jetzt einbildete, er habe sich bei der Bergung der Glocke am meisten angestrengt. Er kam zur Uferstelle, wo die Riesenglocke wie ein schwarzes, eisernes Haus stand. Man hatte ein Gerüst aufgeschlagen, darauf viele Kulis herumkletterten, welche das Metall vom Wasserschlamm säuberten. Der Kuli Kimgun nahm sofort sein armseliges Turbantuch vom Kopf und begann aus Leibeskräften mit den andern Arbeitern die bronzene Glocke zu putzen. Er kletterte auf das Bambusgerüst hinauf und balanzierte droben, als wäre er auf einer seiner höchsten Dorfpalmen. Er saß auf der äußersten Gerüstspitze, wohin sich keiner getraute, und sprang an dem obersten Rand der Glocke herum, wie eine Gazelle an einem Abgrund. Er verarbeitete seinen ganzen Turbanfetzen zu Lumpen und schämte sich nicht und nahm das Gürteltuch ab und putzte auch das in Fetzen, und als er nichts mehr hatte, säuberte er nackt mit der bloßen Hand weiter. Um ihn flogen der Flußschlamm und der Muschelkalk, so atemlos putzte er. Und da er von der tagelangen Wanderung endlich müde wurde, legte er sich oben in eine eingegrabene Windung der Glocke, schmiegte sich glücklich an das platte Metall, und niemand konnte von unten den einschlafenden Kimgun sehen. Am Abend hatte man das Gerüst abgenommen und Kimgun lag auf der turmhohen Glocke, ohne daß es jemand wußte, und schlief weiter. Am nächsten Morgen kamen die birmanischen Abgeordneten, die Großen und Reichen des Landes. Man hatte Höhlungen unter die Glocke gegraben und Walzen darunter geschoben und bewegte mit tausend Arbeitern das Glockenungeheuer langsam vorwärts. Die Beamten folgten im Zuge, und viel Musik und viel festlich gekleidetes Volksgewimmel begleitete die gerettete Glocke. Als der Zug das erste Haus der Stadt erreichen sollte, erwachte Kimgun und begriff erst gar nichts. Er glaubte, er hänge an einer Palme, die sich im Winde bewegte. Aber dann hörte er die Menschenmenge unten mit Trommeln, Pauken und Zimbeln rumoren, fühlte das von der Sonne erhitzte heiße dröhnende Glockenmetall und verstand, daß er auf der wandernden Glocke war. Er schämte sich und blieb wie ein Kaninchen geduckt oben liegen. Als man jetzt an das erste Haus der Stadt kam, wußte Kimgun, daß die Leute auf den Dächern ihn bemerken würden. Er setzte sich aufrecht und tat, als gehöre das zur Festordnung, daß er oben auf der Glocke saß. Er nahm die Stellung eines sitzenden Gottes ein, faltete die Hände und betete. Von der Straße konnte ihn immer noch niemand sehen, auch wenn er aufrecht saß; so hoch war die Glocke. Die Leute auf den Dächern glaubten, daß Kimgun der Hauptmann der Flußschiffer sei, und daß man ihm besonders die Rettung der Glocke zu verdanken hätte. Viele Leute zogen ihre kostbaren Ringe von den Fingern, und wie Regentropfen aus den Dachrinnen, so fielen Smaragden und Türkisen, besonders aber birmanische Rubinen auf Kimgun herab. Der Rubinenkönig, der reichste Mann von Birma, stand auf dem Dach des ausländischen Hotels. Er war aus dem Norden von seinen Rubinenfeldern zur Glockenfeier gekommen, und als er Kimgun oben auf der Glocke in betender Stellung sah, warf er sein prächtigstes und weitestes Rubinhalsband hinunter, daß es dem nackten Kuli um die Schultern fiel und er geschmückter war als der reichste Mann in Birma. Kimgun rührte sich nicht, er hörte nur den klingelnden Edelsteinregen und wußte nicht, daß das alles ihm galt. Er glaubte, es gehöre zur Ehre der geretteten Glocke. Als die Glocke auf den Walzen schwankend und bebend ganz dicht um die Ecke eines Hauses bog, sprang von einem Balkon ein feines birmanisches Mädchen zu Kimgun auf die Glocke. Sie war kaum sechzehn Jahre alt. Sie kniete sich demütig nieder, klatschte in die Hände und begann gleichfalls neben dem Kuli zu beten. Kimgun sah nicht auf; er dachte, daß er unsichtbar bleibe wenn er sich nicht rühre. Er war vom Taumel des Räucherwerks, von den Trommeln und Flöten und dem betenden Sang der Volksmenge wieder abwesend gemacht, als ob er eingeschlafen wäre. Unten am Pagodenberg hielt die Glocke zwischen den Stadtgärten im Abend. Die Korkbäume und Kokospalmen bogen sich über die Glockenwölbung, und immer noch kniete der Kuli Kimgun regungslos neben dem feinen Fräulein, das sich in den vermeintlichen Retter der Glocke verliebt hatte. – Die Glocke stand jetzt still. Eine Ehrenwache blieb zur Nacht am Platz, und die Volksmenge lagerte sich neben den Rasenwegen um große Feuerhaufen, musizierte, kochte und tanzte und erwartete den nächsten Tag, wo die Glocke hinauf auf die Anhöhe zur Shwe Dagon-Pagode gebracht werden sollte. Der Essensgeruch, der Fettdunst gebratener Poularden und der Duft von gebackenen Bananen stiegen bis zur hohen Glockenwölbung und weckten den armen hungrigen Kimgun aus seinem Gebetstaumel auf. Er betrachtete das kleine Mädchen neben sich. Sie war zart, in eine rosaseidene Jacke und in einen grünseidenen Festrock gekleidet, mit silbernen Filigranblumen im schwarzen, hochfrisierten, parfümierten Haar und mit Rubinen und Goldringen in den feinen Ohrmuscheln. Kimgun, hungrig geworden, blähte die Nasenflügel bei dem Essensdampf auf, griff in den nächsten Palmenzweig und schwang sich wie ein Affe in die Krone. Von dort reichte er, ohne ein Wort zu reden, dem Mädchen den Arm herunter, zog sie zu sich herauf und sprang mit ihr wie von einer schwankenden Brücke hinüber in die weißen Äste eines Gummibaumes und ließ sich, mit dem Mädchen auf der Schulter, an den Luftwurzeln und an Stricken von Schlingpflanzen in das Gartendickicht hinab. Breitlappige Bananenstauden versteckten die beiden. Kimgun bemerkte jetzt erst in den Lichtstreifen der Nachtfeuer, die durch die Blattspalten fielen, daß er splitternackt war. Das junge Mädchen erriet an seinen Augen, was er dachte, und reichte ihm den papierdünnen, teerosengelben Seidenschal von ihren Schultern. Der arme Kuli bekleidete seine Hüften mit dem Schal, und dann traten beide Hand in Hand unbemerkt hinaus aus den Blättern unter die Leute.
Kimgun ging zu einem der fliegenden Händler, die mit Fackeln und Garküchenwagen am Wege standen. Er kaufte ein paar geröstete Bananen und warf dafür die lange Rubinenkette hin, die ihm um den Hals schlenkerte. Das feine junge Mädchen an seiner Seite, das den Wert der Kette kannte, zuckte erstaunt zusammen, dachte aber, ein heiliger Mann tut was er will, und bewunderte Kimgun nur noch mehr. Der Händler glaubte in der Dunkelheit, die Rubinen seien rotes Glas, ließ Kimgun einige Bananen nehmen und hängte sich die Kette grinsend um. Kimgun kannte weder Rubinen noch andere Edelsteine; er hatte in seinem Heimatdorf sein Leben lang nur den wertlosen Sand des Irawaddystromes gesehen. Der arme Kuli und das feine Mädchen setzten sich auf den Rasen und aßen schweigend ihre Bananen. Kimgun dachte, daß es unter dem heiligen Hügel der Shwe Dagon-Pagode so und nicht anders sein müsse, und war gar nicht erstaunt über das feine Geschöpf, das ihm zugesprungen war. –
Kaum ein Jahr ist nach dieser Nacht vergangen. Das junge Mädchen hatte damals dem armen Kimgun ihren Schmuck zum Verkauf gegeben, und beide wohnten seitdem verheiratet in einem Stranddorf, in einer eigenen selbstgeflochtenen Mattenhütte, draußen vor Rangoon, wo die Lotsen und Flußschiffer leben. Die junge Frau war nie mehr zurück in die Stadt zu ihren Eltern gegangen, und Kimgun hatte nie mehr seit seinem Hochzeitstag eine Arbeit getan. Beide lebten immer noch von dem Ertrag, den die Edelsteine des Mädchens eingebracht hatten, von billigen Reisportionen und billigen Seemuscheln. Kimgun lag im Strandsand auf gedörrtem Tang unter den Strandpalmen, auf die er nie mehr kletterte, und er sah zu, wie seine Frau schwanger wurde und die Hausarbeit besorgte. Jeden zweiten Tag ging er hinauf in die goldenen Gassen zu der Shwe Dagon-Pagode, und alle Mönche der Pagode kannten ihn, als wären sie seine Brüder. Seine Frau ging niemals mit in das Heiligtum, sie fürchtete, dort einem ihrer Familienangehörigen zu begegnen. Als sie kurz vor der Geburt stand, verließ Kimgun kaum noch seinen Schlummerplatz in dem Schatten der Strandpalmen. Er stand nur noch auf und begrüßte morgens den Zug der Bettelmönche, der bei Sonnenaufgang durch jedes Dorf kam und stillschweigend um den Tagesreis bettelte. Jeder Mönch, in seinen gelben Mantel gewickelt, trug einen mächtigen Bronzetopf vor sich her, und aus jeder Haustür kam die Hausfrau und schüttete ein wenig von ihrem Reisvorrat in einen der Töpfe. Kimgun sah zu, wie seine Frau aus der Hütte trat und ihren Reis gab. Für Kimguns Frau war das einzige Stück Welt, das sie täglich in ihrer Schwangerschaft zu sehen bekam, die Reihe gelbgekleideter Mönche mit ihren großen Bronzetöpfen unter dem Arm. Eines Tages regnete es, und die Mönche hatten ihre Manteltücher über den Kopf gezogen, und die Töpfe wurden in den Augen des schwangeren Weibes wie zu abgeschlagenen Riesenköpfen. Einen Augenblick glaubte sie, eine Reihe geköpfter Menschen vor sich zu sehen, von denen jeder seinen Riesenkopf unter dem Arme trug. Als der Frau die Stunde der Geburt kam, gebar sie ein winziges senfgelbes Wesen, an dessen dünnem Hals ein ungeheurer Wasserkopf hing. Die Glieder des kleinen Leibes zappelten wie ein paar Würzelein an dem Kopf, wie an einer dicken Blumenzwiebel die Wurzelfasern. Das junge Weib starb an den Qualen der schmerzhaften Geburt des Riesenkopfes, der ihr den Leib zerriß.
Kimgun aber trug nach dem Tode seiner Frau das Kind, das er zärtlich liebte, hinauf in die Pagodengassen und zeigte es seinen Freunden, den Mönchen. Diese sprachen das Kind heilig und erklärten es als ein Gotteswunder und verlangten, daß es bei ihnen in der Pagode bleibe. Sie legten eine gewebte, kleine Purpurmatte mitten auf das Pflaster in einer der breiten goldenen Pagodengassen, betteten die Mißgeburt zur täglichen Schau darauf, und einige Mönche saßen immer betend und spielend um das Kind herum. Sie nährten es mit der Milch der Tempelziegen, die zu dem Teppich herbeispringen und dem Kind ihre Euter reichen mußten. Kimgun war jetzt der glücklichste Mensch in Birma, seit sein Kind Tag und Nacht zwischen Gold, Weihrauch und Kerzen und unter den frommen Mönchen und vor den frommen Pilgern liegen durfte, bestaunt, bewundert und beliebäugelt von allen Birmesen und Birmesinnen, die herauf aus dem Stadtgewühl von Rangoon morgens, mittags und mitternachts in die goldenen Gassen kamen und lautlos mit Opferblumen in der Hand, in Seide gekleidet und auf stillen Sandalen vor den goldenen Altären und goldenen Kapellen wandelten und sich vor Kimguns Kind verneigten.
Das Kind verdiente für Kimgun und die Mönche manches Stück Geld. Mit stieren und gequollenen Augen, die wie Glaskugeln in seinem Riesenkopf rollten, lag die kleine Mißgeburt da und starrte in die Goldbauten des Tempels. Der Goldschein machte seine Augäpfel gelb wie Bernstein, die gelbe Haut des Kindes schimmerte und blendete das Gold zurück, und sein Gesicht grinste Tag und Nacht in die Goldpracht wie ein Goldkloß. Kimgun freute sich, daß das Kind nie etwas anders vom Leben kennen lernen sollte, als die ungeheuren Goldmassen der Shwe Dagon-Pagode. In dieser Goldwelt, welcher die Sonne täglich dienen mußte, lag jetzt sein Kind wie der Mittelpunkt alles Goldes, und die Sonne kam jeden Tag zur Pagode, um als Kuli für sein Kind Gold herzuschleppen. Und Kimgun wurde über alle Maßen hochmütig. Der elende, armselige Kimgun erschien jetzt gekleidet vom Verdienst seines Kindes in frischer weißer Seidenjacke, ein Purpurtuch um die Beine geschlagen, einen regenbogenfarbigen Seidenschal als Turban um den Haarwirbel gewunden, das Haar hochgeknotet wie ein Weib, geschmückt mit Schildkrotkamm und Haarpfeil, wie es sich nur der Rubinenkönig und die Reichsten zu tragen erlaubten. Er schritt im Tempel umher, stolzer als einer der weißen Tempelpfauen, und jeder seiner hochmütigen Blicke sagte: Seht, meinem Sohn muß die Sonne dienen! Ihr täglicher Gang gilt bloß ihm und mir, und alles Gold von Birma liegt um uns wie ein goldenes Bett. Meines Sohnes Augen werden täglich vom Gold genährt, mein Sohn schläft im Gold und lebt klug, hell und allmächtig wie das Gold.
Die Mönche mochten bald Kimgun wegen seines Hochmutes nicht mehr leiden, aber da die Mißgeburt eine reiche Einnahmequelle für die Pagode war, ließen sie Kimgun seine Einfalt und schwiegen. Eines Morgens stieg Kimgun, eitel geputzt und gepflegt wie immer, die untersten der dreihundertfünfundsechzig roten Stufen zum Hügelberg der Pagode empor, und wie immer lächelten ihm die hübschen birmanischen Verkäuferinnen auf den Treppenabsätzen zu. Ihre Gesichter schimmerten sanft wie geschälte Bananen hinter den Tischen voll Blumen, Marionetten und Räucherwerk.
Plötzlich verbreitete sich oben am Treppenende vom Hügel herab ein ungestümes Geschrei, lauter und lauter, als ob man da droben Tiere und Menschen schlachtete. Mönche, Ziegen, Pilger, Pfauen, Verkäuferinnen, Hühner und Hunde flüchteten im Durcheinander die rote Treppe herab und Kimgun entgegen. Der Mönche glattrasierte Schädel leuchteten aus dem Gewühl todbleich wie Elfenbeinkugeln und schienen in dem dämmerigen roten Treppenhaus die Stufen herabzurollen.
»Ein Tiger!« »Ein Tiger!« riefen viele Stimmen zugleich, und Hunderte von Händen gestikulierten. Ein mächtiger gelber Tiger war aus dem Palmendickicht auf das Dach der ungeheuren Pagode gesprungen, und alles, was in den goldenen Pagodengassen lebte, stob zum Treppenausgang wie bestürzte Ameisen aus einem verheerten Ameisenbau.
Die Hunde heulten, die Pfauen kreischten, die Hühner und Truthähne gackerten und kollerten. Die Mönche und Verkäuferinnen fuhren wie wilde Schatten durcheinander, die leprakranken Bettler stolperten über ihre Krücken, stießen die Warentische um und fielen in Knäueln stöhnend und jammernd hinter die dicken roten Holzsäulen des Treppenhauses.
Kimguns einziger Gedanke war sein Kind. Er arbeitete sich wie ein Schwimmender gegen den Strom vorwärts; er fiel zwischen zwei Tempelziegen; das Beinkleid und die Seidenjacke wurden ihm vom Leib geschlitzt. Er richtete sich wieder auf, fiel wieder und verlor Kopftuch und Haarkamm. Ohne einen Kleiderfetzen kroch er auf allen Vieren die letzten hundert Stufen nackt hinauf, strich sich die Haare aus dem Gesicht und stand nackt oben am Treppenende.