Die roten Flügel der Holzbohlentüre zu den goldenen Pagodengassen war zugeschlagen und umlagert von Dutzenden von Mönchen, die sich gegen die Türflügel stemmten. Auf seine Bitten, ihn einzulassen, lachte man ihn fast aus. Er weinte, bettelte und schrie um sein Kind. Endlich öffnete man einen Spalt und ließ ihn in den Tempelhof hineinsehen. Der großmächtige Tiger, mit seinem dickbackigen Gesicht, duckte sich eben auf dem Pagodendach und kam in die Gasse herabgesprungen. Lautlos wie ein großer Ballen Baumwolle fiel er auf das Pflaster. Mit einem einzigen Zuschnappen seines Rachens hatte er das Kind Kimguns auf dem Purpurteppich am Halse gepackt, warf sich herum, sprang wie ein Akrobat, der einen Ball trägt, mit dem Wasserkopf im Maul auf das Pagodendach zurück. Hinter dem goldenen Wald der Speere auf den Dächern verschwand die gelbe Bestie wie eine goldene Figur, die mit dem Pagodengold wieder verschmilzt. Die augenschmerzenden Spiegelscheine der Goldmassen warfen sich, wie immer, gleich lebendigen Scheinwerfern kreuz und quer durch die Luft. Darunter standen die Pagodenhöfe jetzt leer und verlassen.

Kimgun brüllte, preßte sich durch den Türspalt, rannte in die ausgestorbenen Gassen, seine Glieder flogen wie flatternde Bänder an seinem Leib. Er kletterte an den goldenen Gehäusen und Gesimsen in den Dächerwald hinauf und verschwand.

Nach Stunden hatten die Mönche vier Engländer aus der Stadt geholt, diese kamen mit ihren Gewehren und suchten den Tiger. Sie fanden ihn auf dem goldenen Birnendach der größten Pagode in der Sonne ausgestreckt und in satter Verdauung gähnend. Die Engländer schossen den Tiger herunter. Die Mönche und alle, die in den Pagoden lebten, kehrten erleichtert in die goldenen Gassen zurück. Als die Leute vor dem toten, goldgelben, vollgefressenen Tigerleib standen, sagten sie von Kimgun: Des Goldes Rachen hat Vater und Sohn verschlungen.

Der Garten ohne Jahreszeiten

Vom Morgen bis zum Spätnachmittag fährt ein kleiner, kletternder Bahnzug in Ceylon von der Stadt Colombo unten am Meer hinauf zu der letzten Ansiedlung Nuwara-Eliya in den höchsten Bergen. Die Zimmetgärten von Colombo wandern hinab in die Tiefe. Die grünen Amphitheater der strauchigen Teeanpflanzungen und die Reisfelderterrassen versinken wie ausgespannte Fallschirme neben dem ansteigenden Schienengeleis. Täler voll Silberseen blinken wie Riesenperlmuttermuscheln herauf, verlassene alte Tempeltürme stehen wie hochgerichtete Fernrohre an den Seen, zugespitzte Bergkegel, geformt wie Räucherhütchen, umragen als blaue Pyramiden den Horizont, und der Adams Peak wirft seinen berühmten dreieckigen Schatten als riesigen Sonnenuhrzeiger bis Sonnenuntergang über das Innere Ceylons, genannt das glänzende Eiland.

Kurz vor Sonnenuntergang erreicht der Bahnzug in den Bergwellen auf der Höhe von vierzehntausend Fuß totstumme Mooswälder, große moosumwucherte Laubholzwälder. Die Baummassen sind wie graue Versteinerungen regungslos ineinander gewachsen, als ob die Baumklumpen sich im kühlen, dünnen Luftzug gegenseitig festhielten, damit auf den schiefen Ebenen in der ungeheuren Höhe nicht jählings ein Schwindelgefühl ganze Wälderstrecken in die Tiefe reiße.

Dort oben bei den silbernen Spiralen der Sturzbäche, auf dem Rasen vor den Waldrändern wohnen reiche Kaufleute und hohe englische Beamte aus Colombo in ihren Villen. Dort sind englische Giebelhäuser mit Vorgärten vor den Erkern. Dort brennen die Laternen abends in den Gartenstraßen am Trottoir entlang wie in Europa. Dort oben sind Tennisplätze und Fußballrasen, und die Luft ist dünn wie die Gesichtshaut der blassen und blonden englischen Damen.

Ein paar Stunden von der Ansiedlung Nuwara-Eliya liegt an einem Bergabhang, wie an den Thronstufen des Ätherhimmels, der Edengarten von Ceylon. Ein Garten wie ein gewirkter, blaurot und gelber indischer Seidenschal, hingehängt an den Bergwald, feierlich, hoch über den Abgründen. Blumenbeete mit den Blumen aller Jahreszeiten schieben sich in die Höhe und in die Tiefe vor dem Äther des windstillen Himmels. Das Gartenantlitz erinnert an ein mit Indigo und Rötelschnörkeln tätowiertes Singhalesengesicht. Dort wachsen europäische Kornblumen, Veilchen, Astern, Kapuzinerkresse, Rosen, Anemonen, Tulpen, Primeln, Schlüsselblumen, Lotos und Kakteen unter Kokospalmen und bei Bananenbäumen.

In diesem Garten der überirdischen Bergwelt waren der Singhalese Bulram und sein Weib Talora aufgewachsen. Beide waren hier oben angesehen als das verliebteste Ehepaar von Ceylon.

Talora war mit neun Jahren Teemädchen gewesen. Sie hatte in den englischen Pflanzungen, unterhalb Nuwara-Eliya, mit hundert andern Mädchen im April zur Ernte die Teekeime von den kleinen, runden Teestauden gepflückt. Bulrams Vater hatte sie von dort in den Edengarten geholt, weil sein Sohn, der bald vierzehn Jahre alt war, endlich eine Frau brauchte.