Das Mädchen kauerte am Boden und bemerkte gar nicht, daß der Leichnam ihres Vaters samt den drei Särgen verschwunden war. Als der Staub sich gelegt hatte, erschienen nach Stunden ihre fünf Brüder, einer nach dem andern, um nach dem toten Vater zu sehen. Aber wie erstaunten sie, als der Tode nicht zu finden war, und als sie am aufgebrochenen Fußboden entdeckten, daß die Erde ihren Vater samt seinen drei Särgen in die Tiefe gerissen und begraben hatte.
Das junge Mädchen sah auf und sagte: »Ihr sollt nicht staunen, ich habe als unnützes Mädchen gewünscht, den Vater zu begraben. Verzeiht mir, daß mein Wunsch für mich gehandelt hat; ich weiß, daß ich als Mädchen kein Recht zu handeln hatte.«
Da freuten sich die fünf Brüder und antworteten ihr: »Die Sarghändler dürfen keinen Toten mehr ausgraben, der einmal unter der Erde ist. Wenn du den Vater mit deinem stillen Wunsch begraben konntest, Schwester, dann bist du als schwaches Mädchen stärker mit deinem Weinen und Wünschen gewesen als wir Männer mit allem Handeln.«
Im Mandarinenklub
Lei-Futsche, einer der jüngsten und angesehensten der Mandarinen von Shanghai, war am gleichen Tage wie der junge chinesische Kaiser geboren; in derselben Stunde, in derselben Minute, und sein Horoskop, das ihm die Sternkundigen aufstellten, stimmte eigentümlicherweise genau mit dem kaiserlichen Horoskop überein. Das wußte aber außer Lei-Futsche und seinem Freund Te-Po, dem Astrologen, niemand, und der Mandarin hütete sich wohl, mit jemand anders als mit Te-Po darüber zu reden. Die Kaiserin-Witwe, die damals statt des für immer als unmündig erklärten Kaisers regierte, hätte Lei-Futsche seines Horoskopes halber sofort gehaßt und gefürchtet, so wie sie den jungen Kaiser haßte. Eines Nachmittags lud der Mandarin den Astrologen in den Mandarinenklub von Shanghai ein, zu einer ganz außergewöhnlichen Stunde.
Te-Po erstaunte darüber. Er betrachtete auf seinen Sternkarten die Stellungen der Sternhäuser und stutzte; er ersah, daß seinem Freund heute der Tod drohte. Der Skorpion trat in das Haus des Planeten Jupiter, und dieser Planet war von lauter totbringenden Sternen umstellt und keine Rettung von irgendeinem günstigen Sternbild zu hoffen. Als Te-Po noch über die Sternstellung grübelte, hörte er die Messingmusik und die Trommler vor seiner Tür, und er zog sein enzianblaues Seidenkleid über das lilaseidene Unterkleid und stieg in die gelbe Sänfte, die ihm der Mandarin geschickt hatte.
Acht Sänftenträger, Soldaten, Trommler, Ausrufer rannten mit ihm in langem Zug durch die winkeligen Shanghaistraßen. Sie kamen zuletzt durch die Budenreihe der Bilderstraße, wo die Straßenmaler hinter den weißen Reisbildern saßen; Bilder füllten, wie weiße lange Fahnen, von der Decke bis zur Erde, jede der Buden. Und Te-Po dachte bei sich: Das Leben auf dieser Welt ist wie eine Bilderbude. Jeder hängt in sein Herz eine Reihe Erinnerungsbilder auf, wie die Straßenmaler tun, und die Bilder baumeln vor den Augen wie die Reispapierblätter im Wind, bis wir die Augen für immer schließen. Nicht einmal ein paar Bilder kann man in den Tod mitnehmen, auch die Bilder bleiben zurück, wenn der Maler stirbt.
Vor dem schmalen Gasseneingang an der Mauer des Mandarinenklubs in einem der engsten Shanghaiwinkel hielt die Sänfte. Im Mandarinenklub geben sich die Aristokraten der Stadt ihre gegenseitigen Einladungen. Der Klub besteht aus einem Gartenhof voll künstlicher Felsen; offene und geschlossene Lusthäuser aus rotem lackierten Holz stehen auf den kleinen künstlichen Gebirgen, zwischen Pflanzen und künstlichen Teichspiegeln. Die geschweiften, grauen Ziegeldächer der Häuser füllen in der sorgsam ausstudierten Wirrnis des engen Gartenraumes wie Riesenkähne den Himmel. Te-Po, geleitet von den sich bückenden Dienern, trat durch die unscheinbare Straßentüre ein. Zur linken Hand befindet sich die offene Halle des Hausaltars; vergoldete Holzwände umschließen von drei Seiten ein mächtiges goldenes Buddhabild. Die vierte Seite ist nach dem Hofraum offen. Ein langer Tisch voll Opferspeisen, wie ein Bahnhofbüfett, steht dort immer zur Schau, umgeben von einer Reihe brennender Kerzen. Te-Po bemerkte, daß der Opfertisch heute besonders reich mit gebratenen Ferkeln, gebräunten und dampfenden Gänsen und Hühnern angefüllt war. Der Fettgeruch vom Altar schlug ihm warm wie der Dunst einer Garküche entgegen. Te-Po verstand, daß wahrscheinlich sein Freund, der Mandarin, diese üppigen Opferspeisen in der unbewußten Vorahnung des Todes gestiftet hatte. Der Gartenraum glitzerte maigrün im blauen Nachmittag. Nicht höher als mannshoch über den Teichen stehen die roten Balustraden der hölzernen Lusthäuser. Durch das Gewirr der künstlich ausgesägten und ausgehöhlten Felsen führen winzige Steinstufen hinauf. Der ganze Hof aus Steingebirgen hat kaum einige fünfzig Schritte im Umfang. Aber die Lusthäuser auf den Anhöhen verstellen mit ihren Giebeln die hohe Umrahmungsmauer des Hofes so geschickt, daß man sich in einem meilenweiten Felsenchaos glaubt. Manchmal schiebt sich eine Mauer mit gipsernem und rotbemaltem Drachenkopf herein in die Wirrnis, und die Teiche liegen wie schwarze Abgründe eng gezwängt vor den kulissenartigen Gebirgen; im pechschwarzen Wasser glänzen die goldenen Dachrinnen, die roten Balustraden, grüne Maiblätter und hohe Schilfstände. Der Mandarin Lei-Futsche empfing seinen Freund im Pavillon gegenüber der Halle des Hausaltars. Obgleich beide langjährige Freunde waren, verbeugten sie sich eine lange Weile nach chinesischer Sitte, als ob sie sich eben erst kennen gelernt hätten. Sie lächelten fortwährend, ohne daß der eine dem andern seine Sorgen verriet, und sagten einander schöne Sätze, Anfänge von Gedichten und wohlwollende Sprüche.
»Ist die blaue Luft nicht die Wohltat des Himmels an die Erde!« wisperte der Mandarin und zog die vielen Ö-Laute der chinesischen Sprache singend hinaus. Sein Freund Te-Po antwortete ihm ebenso: »Und ist die Luft nicht das Reich der Singvögel, der Drachen und Gedanken! Mögen die Singvögel heute alle Drachen aus der Luft verbannen und mit deinen Gedanken um die Wette singen!« Der Mandarin komplimentierte unter zierlichen Verbeugungen seinen Freund zu der schwarzpolierten Opiumbank, die wie ein niedriges, viereckiges Podium im Hintergrund des Pavillons stand. Auf zwei dünnen, kupferroten Seidenkissen nahmen die beiden Herren Platz und zogen ihre Beine hoch. Der Mandarin klatschte in die Hände. Ein Diener, in langem himmelblauem Hemd, das bis an die Diele reichte, trat ein, stellte neben jeden Herrn zwei zugedeckte Teetassen und dazu zwei Schalen gebackener Mandelkerne. Die Herren hoben zum Gruß die Teetasse hoch, und jeder schob mit dem Porzellandeckel vorsichtig das heuartige Teekraut, das in der Tasse schwamm, zur Seite, und jeder schlürfte ein wenig von dem heißen, grünen Teesaft. Ein zweiter Diener hatte inzwischen eine kleine silberne Spirituslampe zwischen die Herren gestellt und überreichte zwei lange Opiumpfeifen aus Elfenbein. Jeder der Herren zündete eine winzige Opiumkugel, welche auf dem Pfeifenkopf lag, an der Flamme an, und jeder sog sein Opium mit ein paar langsamen Zügen auf; es war nur eine Erfrischungspfeife, keine Schlafpfeife, welche die beiden Herren rauchten. Sie gaben ihre Pfeifen dem Diener zurück, und unten aus dem Garten tauchten die Köpfe von zwei zehnjährigen Mädchen auf und das Gesicht einer blassen Frau. Die Frau war in dunkelblaue, fast schwarze Seide gekleidet, die Mädchen in hellblaue Seide, ähnlich den Dienern.
Die Diener führten wichtig und behutsam die kleinen Damen die Felsenstufen herauf. Die drei weiblichen Geschöpfe hatten künstlich verkrüppelte Huffüße und trippelten mit den Füßen kurz wie Ziegen aufstoßend herein. Ihre grünseidenen Schuhe hatten einen weißen Absatz in der Mitte unter dem Fuß, so daß jedes Weiblein wie auf kleinen weißen Stelzen balancierte.