Die drei Damen hatten sich etwas verspätet und fürchteten sich jedenfalls vor der Ungnade des Mandarins. Der aber rief ihnen freundliche Sätze zu: »Hat deine Zunge heute die schönsten Flügel mitgebracht?« fragte er die dunkelblau gekleidete Frau. Diese verbeugte sich fortwährend zitternd und lächelnd, ihr Haar war fest gebürstet und gescheitelt, glatt wie schwarzer Lack. Es war Mi-Lee, die Historiensängerin, welche bei Gastmählern im Mandarinenklub alte Sagen und Heldenlieder vortrug. Ihr Gesicht wurde immer blässer, je mehr sie sich verbeugte, und war in dem dämmerigen Pavillon wie ein Silbergerät, das auch noch im Schatten leuchtet.

Dann ließ sich die blasse Mi-Lee auf einen Schemel nieder, und die beiden Mädchen saßen zu ihren Füßen bei Saiteninstrumenten, die ihnen die Diener brachten. Mi-Lee hüstelte und begann mit ihrem kleinen, weißen Taschentuch den Mädchen zu winken. Die schlugen die Saiten an, als ob viele Gläser klirrten, und unter ihren Fingern sprang ein Gegirr von Tönen in die Luft, als ob ein Haufen wilder Insekten surrte und schwirrte. Die brummende und rasselnde Musik füllte den Pavillon, und die Töne tanzten wie ein pfeifender Kreisel. Das hohle Dach des Lusthauses gab wie eine Muschel das Gesumm hundertfach zurück. Eingesponnen von Musik, Opium und Teeduft, saßen die beiden Herren auf ihrer gemeinsamen Bank. Jeder von ihnen knabberte geröstete Mandelkerne zwischen den Vorderzähnen, und jeder sah belustigt aus, und keiner zeigte seine trauernden Gedanken dem andern. Mi-Lee wurde blasser von Sekunde zu Sekunde und erschien dem Astrologen zuletzt wie eins der weißen Reispapierbilder aus der Budenstraße. Die Historiensängerin neigte den Kopf, drückte die Augen zu, stützte das Kinn in die Hand, die das Taschentuch hielt, und begann mit näselnder Stimme wie eine Singorgel zu erzählen: »Der Vogel Blaufeder kam in den kaiserlichen Garten, flog auf das Porzellanhaus des Kaisers, das hinter dem Schildkrötenteich liegt.« – »Wer muß heute sterben?« fragte der junge Kaiser seinen Eunuchen, »der Vogel Blaufeder schreit über den Teich, das ist ein Zeichen, daß von der Kaiserfamilie heute ein Mitglied stirbt!« – »Wer muß heute sterben?« fragte der Eunuch und gab die Frage an die Ohrmuschel des Türhüters weiter. Der Türhüter, der den jungen, gefangenen Kaiser eingeschlossen hält, fragte: »Wer muß heute sterben?« und er betrachtete den kaiserlichen Gärtner, der zwischen den roten Fuchsien im Garten unter den Fenstern saß. »Wer muß heute sterben?« fragte der Gärtner mit den Augen seine Frau, die bei der Lieblingsfrau der drei Gemahlinnen des Kaisers Dienerin war.

Die Gärtnersfrau zitterte und ließ ihr Teetäßlein fallen, daß es zu Porzellanstaub zerbrach. Das Täßlein hatte ihr ihre junge kaiserliche Herrin geschenkt. Die Gärtnersfrau schaute erschrocken zu ihrem Mann, und ihre Augäpfel verschwanden, und vieläugige Tränen schauten ihren Mann an. Ihre Tränen glitzerten wie die Splitter von der Porzellantasse der Kaiserin, und der Gärtner riß sich an der Gartenschere, mit der er die Fuchsie beschnitt, und trocknete das Blut seines Fingers an seinem schwarzen Zopf ab, der sich über seine Schulter auf dem Achatsand des Gartens ringelte. Der Türhüter sah durch das Fenster verständnisvoll den Gärtner an, der sich geschnitten hatte. Der Türhüter biß die Zähne aufeinander, daß es knirschte und der Eunuch des Kaisers sich nach ihm umsah. Der Eunuch wurde noch gelber als die Seide des Kaisers und erzitterte am ganzen Leib, da er über den Türhüter und Gärtner und über die Gärtnersfrau fort die kleine Tasse der Kaiserin in Splittern sah. Der Kaiser aber stand auf, trat an das Fenster, warf sein Taschentuch hinaus in den Gartenwind, damit das Tuch den Vogel Blaufeder verjage. Der Vogel flog nicht fort, sondern blieb und schrie bis zum Nachmittag, bis zur Stunde, da die alte Kaiserinwitwe mit ihrem Hofstaat in den Garten des jungen Kaisers trat und vor den Augen des Kaisers die erste der drei jungen Kaiserinnen, die der Kaiser am liebsten hatte, in dem Wasser des Schildkrötenteichs vom Eunuchen, dem Türhüter und Gärtner ertränken ließ.

Mi-Lee, die Historiensängerin, war alt geworden, als sie das Lied der grausamen Kaiserin vor dem Mandarinen und seinem Freund zu Ende gesungen hatte. Gestützt auf die Diener, blasser, als sie gekommen, verließ sie das Lusthaus im Mandarinenklub. Lei-Futsche hatte ihr dieses Gedicht selbst aufgeschrieben und vor ein paar Tagen zugesandt. Sie wußte, daß der Tod darauf stand, wenn sie eine Legende aus dem Kaiserhaus öffentlich sang. Aber Mi-Lee kannte den Mandarinen, und ihm zuliebe, auf die Gefahr des Sterbens hin, sang sie das Lied.

Einer muß heute sterben, wußte sie, als sie fortging, entweder diejenige, die gesungen hat oder einer von denen, die zugehört haben.

Die Kulis brachten ihren Herrn, den Mandarinen, eine Stunde später in der Sänfte nach Haus; aber als sie die Sänfte im Hofe seiner Wohnung niedersetzten, saß er tot darin und stieg nicht mehr aus.

In derselben Nacht noch wurde der Sterndeuter von den Ausrufern, Trommlern und von Holzklappern geweckt, welche mit großem Lärm den Tod des jungen Kaisers noch vor Mitternacht in den Straßen von Shanghai ausriefen.

Te-Po denkt noch heute darüber nach, ob sein Freund, der Mandarin Lei-Futsche, zum Gefolge der Kaiserseele gehörte, weil er mit dem Kaiser zu gleicher Zeit geboren wurde und mit dem Kaiser zugleich gestorben ist.

Die Auferstehung allen Fleisches

Ozuma, der reiche Schildkrothändler von Nagasaki, hatte draußen vor der Stadt auf dem Hügel ein Haus mit einem Kirschgarten. Er zählte hundertfünf Jahre, sein Haar war weiß wie Milch, seine Hände dürr wie Schachtelhalme, aber sein Körper war ungebeugt. Er stand aufrecht in seinem Landhaus, dessen Papierwände weit aufgezogen waren, und er ließ die Leute von der Bergstraße aus durch sein Haus hindurch in seinen blühenden Kirschgarten schauen. Dort standen die Bäume wie mit rosa Daunen behangen, und darunter blühten scharlachne Rotdornhecken, die waren alt und verwachsen wie Korallenzweige. Zwei Fuß hoch über der Straße stand Ozuma in seinem schlafrockartigen, perlhuhngrauen Kaftan auf den strohgelben Bambusmatten seines Zimmers. Er hat zur Rechten die Bergstraße, zur Linken seinen rosa Blütengarten, darinnen jeder Blütenbaum voll Bienen wie ein Kochtopf brummte. So war es alle Tage im hellblauen Frühling, aber heute war ein grauer Frühlingsregentag. »Es regnet Fruchtbarkeit in den Garten und Gedanken auf die Straße,« sagte Ozuma, der alte und einsame, zu sich.