Über Gräber vorwärts
Frau Tilde war bei Gisbert. Er hatte schon das Bett verlassen und saß im Stuhl, so schnell ging es mit ihm nach oben. Dankbar war Gisbert. Dankbar trank er das Leben in sich auf. Und leuchtend sprach er: „Wie sagt der große chinesische Weise? Was ist der Inbegriff aller Erkenntnis und ihrer Freude? Ich atme bewußt. Und wem danke ich es?“ Zu ihr hob sich seine Hand.
Nichts Heimliches, nichts gesucht Vertrauliches — die ganze große mutige Selbstverständlichkeit sprach. Sie waren beieinander, als hätten sie sich von je gekannt.
Tilde sah ihn an, mit der weiten wehen Klarheit ihrer Augen. „Von Vater hörte ich eben das Gegenteil. Das „but intoxication“. Wie ist er anders geworden! Man ist hellsehend bei denen, die man liebt. Und ich sehe — das Schlimmste.“
„Ich fand ihn erfrischt — durch den Kampf.“
„Das ist der Rausch, von dem er selber spricht. Wie lange kann ein Rausch dauern? Ich fürchte mich vor dem Erwachen.“
Schwerer wurden ihre Augen. „Ich bin immer — schon als Kind — diesem leidenschaftlichen Hang zur Einsamkeit nachgegangen. Das Leben straft uns an unseren Leidenschaften. Nun werde ich bald niemanden mehr haben.“
Gisbert bewegte sich zur ihr hin, Ergebenheit bis in den Tod reichten seine Blicke ihr dar.
„Und ich hab noch keinem Glück gebracht —“ fast warnend sprach sie es aus — „keinem, der mir etwas war — der mich befreite von meiner Sucht, mich in mich selbst zu begraben. Als ob alle es hätten büßen müssen.“
„Gnädige Frau —“