„Ich weiß, das ist wie eine lächerliche Eigenwichtigkeit. Aber, warum mußte alle, aber auch alle, die mir nahe standen, diese Zeit verschlingen oder zerbrechen?“

„Sind wir nicht alle zerbrochen?“

„Doch nicht so, bis ins Lebensmark. Die mir geblieben sind — mein Vater, mein Mann — bloße Schatten. Und alles andere ist mir gestorben. Meine Freundin, die einzige, die ich hatte — der Gram um ihren gefallenen Mann hat sie ihm nachgezogen. Meine besten Freunde waren meine Brüder — sie sind nicht wiedergekommen. So sieht es um mich aus.“

Du sollst nicht klagen, Du sollst nicht traurig sein — machtvoll sehnsüchtig klang es in Gisbert auf. Und ein Glück trug ihn empor. Daß Du so zu mir sprichst! Dich so mir offenbarst! Ich bin Dir etwas — Du fühlst, wie alles, was ich bin, Deinem Wesen zuströmt! Dir dienen will ich, mit allem, was ich bin! Dir geben, alles, was ich habe! Dir, Dir, Du Schmerzensreiche, Du Gebenedeite!

Sie spürte die schwärmende Glut. Sie selbst mußte ihr wehren. Ihre Sehnen strafften sich. „Gut, daß die Arbeit auf einem liegt. Unser alter Inspektor ist der Sache nicht mehr gewachsen. Und Achim —“ ein weher Zug grub sich ein — „bereitet sich auf ein großes Match vor. Dennoch hätte ich Vater gern was von seiner Bedrängnis abgenommen. Wir sind glimpflich davon gekommen. Obwohl wir uns das Schlimmste vermuteten. Oder deshalb? Wie ist Vater, der gutgläubige, für seine Einbildungen gestraft.“

Herr von Borkhus kam jetzt, sich selbst nach Gisbert umzusehen. Er war aufrecht, in fester Haltung, berichtete von dem Ausstand, daß die Nothilfe der Gymnasiasten die Wut frisch aufgepeitscht habe, und als Neuestes — ein ehernes Lachen klang in seinen Worten — daß Strempel sich weigere anzuspannen und den Herrn zu fahren.

„Strempel!“ Wie geisterhaft tönte es zurück aus Frau Tildes Mund. Ihre Augen forschten erschreckt in des Vaters Zügen. Die blieben hart.

„Ja, Kind. Oh, wir brauchen noch viel Belehrung.“ Geradezu ausgelassen: „Sag Mädel, bin ich nicht einfach gereist auf den Mann? Schaubudenhaft? Habe ich mich nicht mit ihm dem Publikum gezeigt? Hier seht Ihr es, meine Herrschaften! Es gibt ein Glück des Gehorchendürfens! Sofern der, der befiehlt, auch selber am rechten Ort zu gehorchen weiß. Es kann ein freies und stolzes Wort sein: ‚ich dien‘! Ja, Kind, nun ist die Schaubude umgeweht. Komplett.“ Und er lachte ehrlich.

„Vater —“

„Und jetzt — Herrgott, ganz jung wird man wieder! Was war für mich als kleinen Bengel die größte Lust? Selber anspannen! So tue ich’s also jetzt wieder und fühl mich als Junge. Ich muß heute noch nach Trent. Besprechung der Besitzer. Der Korpsgeist hat nun den Stoß, den er braucht.“