Borkhus — wo war die Verklärung geblieben, die objektive Erhabenheit? — er reichte Kunz mit brennenden Augen stumm über den Tisch seinen machtvollen Händedruck.

Und weiterhin ließ Kunz seine Munterkeit aufmarschieren.

„Natürlich fehlte es uns nicht an Komödien. In diesem Lande der Komödianten. Wir kamen als Gefangene nach Südfrankreich, in ein altes Kastell. Sein Kommandant ein uriger Knochen, giraffenlang, mit ewig wiederkauenden Kinnladen — seine Untergebenen nannten ihn denn auch ‚camé léopard‘ — die blaue Nasenspitze wühlte in dem verbasten grauen Schnauzbart, nie machten die tranigen Augen die Läden auf — und immer in Sprit! Ein doller Don Quichotte. Und kam sich als der Kriegsgott vor. Hatte denn auch als wahrhaft solcher seine Geistesgegenwart in allen Schlachten durch Abwesenheit des Körpers dokumentiert. Nun waren außer mir noch ein paar schwere Jungen da — Hatz von der Brah, der bekannte Rennreiter, der Munterste. Und in einer Nacht heckten wir wieder einmal was aus. Eine klobige Metallsache — als Zauber im Morgennebel gedacht, dem Alten zu Ehren. Alle eisernen Öfen wurden mobil gemacht, samt allen Ofenrohren. Kanonen wurden aufgebaut in dem Hof. Unter den Schlafdecken machten Kameraden die Gäule, die wir bestiegen, unsere blechernen Waschschüsseln als Stahlhelme auf den Häuptern, die eisernen Ofenhaken als Schwerter zu Händen. Die wachthabenden poilus hielten sich den Bauch ob dem hahnebüchenen Ulk, sie gönnten ihrem Leopardenkamel unseren Streich. Und jetzt, wie wir uns aufgestellt haben, da brüllen wir los „Deutschland, Deutschland über alles!“ Da oben, der Alte ans Fenster, visionär klappen die blöden Glotzaugen auf — Entsetzen — er schreit: aux armes! aux armes! — fährt in die Kleider, verliert das Herz in die Hosen und die Hosen mit dem Herzen. Erst als seine Soldateska sich ausgekugelt hat und wir wieder unschädlich gemacht sind, traut er sich in unser Verließ. Wie es sich gehört, kommen die Übeltäter ins Prison, wir Rädelsführer in schweres. Und das ist unser Glück — Hatz und ich brechen aus. Wie wir uns dann zur Front zurückgefunden haben — durch Mittelfrankreich hindurch, das ist ein Kapitel für sich. Und das Verdienst von Hatz. So was wie den hat die Welt nicht mehr gesehen. Der häßlichste Kerl, und hatte doch alle Weiber am Bändel. Fröhlich wie ein Buchfink, sittenlos wie ein Sperling — und ein Sprachgenie. Sobald er ein Mädel geküßt hatte, redete er ihre Mundart. Sein Patois war unser Schutzengel. Nun, von dem allen erzähle ich ein nächstes Mal.“

Es gab noch Dienstliches anzuordnen. Die Siedler verabschiedeten sich und brachten ihre Maschinengewehre nach Haus. Horst war der Letzte bei Herrn von Borkhus.

Er hatte das Gefühl, als wollte der Baron ihn noch bei sich behalten und mit ihm sich aussprechen. Die Hand und auch die Augen ließen ihn nicht gleich los. In denen war wieder diese stille Gehobenheit, diese geklärte Ferne. Und dann drängte es in ihnen wie ein Bekennenwollen.

Jetzt aber versank Borkhus ganz in sich hinein und sprach leise zu dem jungen Freund: „Sie sind müde — es waren harte Tage. Ich bin es auch — sehr müde.“ Damit sagten sie sich Lebewohl.

Gleich nach Mitternacht war es, da wurde Gisbert durch einen Schuß geweckt. Im Hause war er gefallen. Träumte etwas nach in seinem Ohr?

Ein stilles Lauschen in allen Räumen — dann lebt es auf, da und dort — Türen gehen — über die Dielen huscht es — jetzt ein erstickter Aufschrei — aus dem Arbeitszimmer des Herrn —

Gisbert soll noch nicht aufstehen. Aber es duldet ihn nicht auf dem Lager. Er kleidet sich notdürftig an. Geht auf den Korridor. Da kommt ihm der Diener entgegen mit irrem Blick — „Herr Baron — erschossen —“ stammelt er — fassungslos irrt er um sich selbst —

Gisbert geht in das Zimmer. Hier liegt Herr von Borkhus den Kopf auf dem Schreibtisch. Aus der Schläfe strömt das Blut. Der Körper ist starr und tot.